#UKAPflege: „Die Karten werden täglich neu gemischt“

Dieser Job ist nichts für Zartbesaitete. Wenn Hubschrauber landen, Rettungswagen vorfahren, die Untersuchungsräume voll und die Patienten ungeduldig sind, herrscht Hochbetrieb in der Zentralen Notaufnahme der Aachener Uniklinik. Mittendrin: Gesundheits- und Krankenpflegerin Jennifer Wolf.

Rot, Orange, Gelb, Grün oder Blau. Wer als Patient in die Notaufnahme kommt, wird von Jennifer und ihren Kolleginnen und Kollegen in eine dieser fünf Kategorien eingeordnet. Als Grundlage dient das sogenannte Manchester-­Triage-System. Das geschulte Pflegepersonal bestimmt anhand von Indikatoren wie Schmerzen, Blutverlust, Bewusstsein, Temperatur und Krankheitsdauer die medizinische Dringlichkeit. Ziel ist eine schnelle Festlegung von sicheren und nachvollziehbaren Behandlungsprioritäten. Oder anders formuliert, welcher Patient wie schnell einen Arzt braucht. Von rot wie „sofort“ bis blau wie „nicht dringend“.

Wer warten muss, hat Glück gehabt

Wer hier länger warten muss, hat also gute Gründe erleichtert zu sein. Schließlich bedeutet dies, dass kein akuter Behandlungsbedarf besteht. Stattdessen sorgen Jennifer und ihre Kollegen erst einmal dafür, dass je nach Bedarf eine Blutentnahme, die Anlage eines intravenösen Zugangs, ein EKG, eine primäre Wundversorgung und gegebenenfalls eine medikamentöse Therapie erfolgen. Anschließend sollte der Patient vor allem eines sein: geduldig.

Steht gleich ein ganzes Ärzte- und Pflegeteam bereit, muss direkt behandelt werden. Dann heißt die Diagnose oft „Herzinfarkt“ oder „Schlaganfall“ und der Patient wird im sogenannten Schockraum versorgt, dem Herz einer jeden Notaufnahme. Hier steht alles bereit, was Menschenleben retten hilft: Defibrillator, Beatmungsgerät, Monitoring, Perfusoren, EKG, Medikamente und vieles mehr. Der Hightech-Raum ermöglicht lebensrettende Untersuchungen und Behandlungen, ohne dass der Patient in einen anderen Trakt der Klinik gebracht werden muss. Das spart wertvolle Zeit.

Jennifer wollte gleich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung vor fünf Jahren hierher. Seit Mai 2017 studiert sie Pflegemanagement, seit diesem Frühjahr ist sie stellvertretende Stationsleitung. Im Frühjahr nächsten Jahres schließt sie die Fachweiterbildung Notfallpflege an.

In einem Team aus über 50 Pflege­kräften arbeitet sie rund um die Uhr in drei Schichten. Jede wie eine Wundertüte voller Überraschungen. „Man kann sich nie auf etwas einstellen, weiß weder, wie viele Patienten man an einem Tag hat, noch welche Fälle es zu behandeln gilt“, sagt sie. Gerade diese Abwechslung ist es, die Jennifer an ihrer Arbeit so schätzt. „In der Notaufnahme geht es vor allem darum, den Überblick zu behalten und sich schnell auf Situationen einzustellen.“

„Wir sind wichtige Ansprechpartner und eine emotionale Stütze“, sagt Jennifer (28 Jahre), Gesundheits- und Krankenpflegerin (Zentrale Notaufnahme)

Gestoßener Zeh bis Polytrauma

In der Notaufnahme landen alle akuten Fälle vom Herz-Kreislaufstillstand über Hirnblutungen bis hin zu schweren Unfällen und Knochenbrüchen. Auch das Wetter macht sich bemerkbar. Im Sommer verletzen sich viele Menschen beim Sport oder bei der Gartenarbeit, im Winter häufen sich, vor allem bei Glatteis, die verunglückten Autofahrer. Daneben gibt es immer mehr Menschen, die selbst bei kleineren Verletzungen, Husten, Schnupfen oder Heiserkeit zum Telefon greifen und die 112 rufen. „Von Bagatellverletzungen bis zu absoluten Notfällen sieht man alles“, sagt Jennifer, „ebenso die ganze Bandbreite der Gesellschaft.“

Doch trotz der Hektik ist immer auch mal Zeit für ein persönliches Wort mit den Patienten und Angehörigen. „Die meisten hier befinden sich in einer angespannten Ausnahmesituation. Da sind wir Pflegekräfte gerade bei älteren Patienten oft wichtige Ansprechpartner und eine emotionale Stütze.“

Wir vertrauen uns

Manches von dem, was Jennifer tagtäglich sieht, ist nicht einfach zu verkraften. Extreme Verletzungen und Verbrennungen, besonders bei Kindern, steckt man nicht so einfach weg.

Dass man schlimme Dinge erlebt, gehöre eben zum Job, betont Jennifer. In erster Linie sei es das Team aus Ärzten und Pflegekräften, das einem helfe, auch mit Belastungen zurechtzukommen und möglichst nichts mit nach Hause zu nehmen. „Wir arbeiten nicht nur kollegial, sondern Hand in Hand miteinander, unterstützen uns gegenseitig und geben uns Rückhalt. Deshalb macht die Arbeit auch an den besonders anstrengenden Tagen immer noch Spaß.“

Seelentröster und Blitz­ableiter

„Wenn nach der Behandlung jemand sagt, ‚Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt, ich wurde gut behandelt und hatte weniger Angst‘, freut einen das natürlich“, sagt Jennifer. Doch Lob von Patienten gebe es eher selten, wofür sie sogar ein wenig Verständnis hat: „Viele Patienten und Angehörige befinden sich natürlich in einer angespannten Situation. Manche haben Schmerzen, andere Angst. Dass die Nerven dann schnell mal blank liegen, verstehe ich. Auch wenn uns das bei der Arbeit nicht weiterhilft.“ Trotzdem liebt die 28-Jährige ihren Arbeitsplatz, „denn hier werden die Karten täglich mehrfach neu gemischt.“



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