„Unser Ziel ist es, Pflegeorganisation und interprofessionelles Arbeiten viel stärker noch als bisher an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten auszurichten.“

Pflegewissenschaftlerin Dr. Astrid Stephan über den Wandel des Pflegeberufs und den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis

Dr. rer. medic. Astrid Stephan, Krankenpflegerin und Master of Science in Nursing, leitet die Stabsstelle Pflegeentwicklung und -organisation der Uniklinik RWTH Aachen. Kernaufgabe der Pflegeentwicklung ist es, Rollen- und damit verbundene Kompetenzprofile in der Pflege zu entwickeln, an aktuelle Bedarfe anzupassen und somit auf künftige Herausforderungen in der Patientenversorgung vorzubereiten. Mit apropos sprach sie über ihre Arbeit sowie die Vielfalt und Perspektiven des Pflegeberufs im Wandel.

Frau Dr. Stephan, über den Pflegeberuf wurde in den letzten Monaten und Wochen rege diskutiert. Was sind Ihre Aufgaben in der Pflegeentwicklung an der Uniklinik RWTH Aachen?

Astrid Stephan: In den aktuellen Debatten werden fast ausschließlich die massiven Probleme diskutiert, die wir in Deutschland haben. Das ist richtig und war lange überfällig. Um etwas über Weiterentwicklungen in der Pflege zu erfahren, muss man schon gezielt in Fachartikeln suchen. Dennoch gibt es trotz der aktuellen Situation solche Entwicklungen, auch in Deutschland. Die zunehmende Etablierung von Abteilungen für Pflegeentwicklung ist ein Anzeichen dafür. Grundsätzlich sollen diese Abteilungen nämlich den Transfer von Erkenntnissen aus der Pflegeforschung in die Praxis unterstützen und Praxis­projekte begleiten. Denn auch in der Pflege steigen die Anforderungen und die Komplexität nimmt zu. Die Menschen werden dank des medizinischen Fortschritts immer älter und können auch mit schwerwiegenderen Erkrankungen länger leben. Das bedeutet gleichzeitig, dass mehr und anspruchsvollere Aufgaben auch auf die Pflegenden zukommen. Diesem erhöhten Anspruch in Kombination mit dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel kann man nur mit guten Konzepten gerecht werden.

Die Akademisierung der Pflege läuft an, braucht aber entsprechende Einsatzbereiche im pflegerischen Alltag. Wo stehen wir da konkret?

Astrid Stephan: Sie sprechen hier ein Studium an, das für den Pflegeberuf qualifiziert. In Deutschland ist das eine eher neue Entwicklung, obschon es inzwischen circa 40 solcher Studien­gänge gibt. Diese sind ab dem Jahr 2020 auch gesetzlich verankert, nicht nur wie bisher als Modellversuch. Das ist wichtig in Anbetracht der steigenden Anforderungen. Daraus ergibt sich ein weiteres Arbeitsfeld der Pflegeentwicklung: Pflegende mit Bachelor- oder demnächst auch Masterabschluss brauchen berufliche Rollen in der Arbeit mit Patientinnen und Patienten. Hier stehen wir tatsächlich in Deutschland noch ganz am Anfang, auch an der Uniklinik. Derzeit bauen wir über die Pflegeentwicklung eine Kooperation mit der Hochschule für Gesundheit in Bochum auf.

Woran arbeiten Sie im Moment konkret?

Astrid Stephan: Wir haben an der Uniklinik RWTH Aachen zum Beispiel ein Praxisprojekt auf einer Pilotstation der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation initiiert. Unser Ziel ist es, Pflegeorganisation und interprofessionelles Arbeiten viel stärker noch als bisher an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten auszurichten und gleichzeitig die Pflegenden gezielter entsprechend ihrer Qualifikation einzusetzen. Unser Ausgangspunkt war das Pflegemodell „Primary Nursing“. Dieses haben wir an die Gegebenheiten und Erfordernisse auf der Pilotstation angepasst. Die Projekt­arbeit funktioniert bisher deshalb so gut, weil wir ein Projektleitungs-­Tandem aus Pflegeentwicklung und Stationsleitung installiert haben und eng mit dem ärztlichen Dienst zusammenarbeiten. Nun stehen wir kurz vor der Umsetzung und sind alle gemeinsam sehr gespannt und auch etwas nervös, ob diese erfolgreich sein wird.

Wie können wir uns das genau vorstellen?

Astrid Stephan: Bianca Siegling, die Leiterin der Station, begleitet ihr Team gerade durch diesen anspruchsvollen Veränderungsprozess. Die Projekt­arbeit der letzten Monate haben alle als große Bereicherung erlebt, da das gesamte Team die Inhalte und Veränderungen selbst erarbeitet hat. Aber alle spüren auch deutlich die zusätzliche Belastung und die hohen Erwartungen. Eine der künftigen „Primary Nurses“ ist Rebecca Igl. Sie wird demnächst die pflegerische Verantwortung für eine Patientengruppe übernehmen und die Zuständigkeit nicht wie bisher am Ende der Schicht an eine andere Pflegeperson abgeben – wie man es vom behandelnden Arzt auch kennt. Frau Igl ist dann feste Ansprechperson für ihre Patientinnen und Patienten, deren Angehörige und das Behandlungsteam. Sie hat sich für die neue Rolle entschieden, weil sie sich wünscht, noch patientenorientierter arbeiten zu können. Frau Igl hat zwar keinen akademischen Abschluss, besitzt aber eine sehr gute klinische Expertise in der onkologischen Pflege, die man nicht an der Hochschule erwerben kann.

Warum ist die Onkologische Pflege für ein Projekt wie „Primary Nursing“ besonders geeignet?

Astrid Stephan: Onkologische Patientinnen und Patienten sind von heute auf morgen mit einer lebensbedrohlichen Diagnose konfrontiert, die immer auch die Familie betrifft und das Leben grundsätzlich verändert. Oft sind wiederholte Krankenhausaufenthalte aufgrund stationärer Systemtherapien nötig, so wie auch auf der Pilotstation. Gerade hier sind ein gut funktionierendes, interprofessionelles Team, reibungslose Kommunikation, Kontinuität und eine feste pflegerische Bezugsperson, auch über mehrere Aufenthalte hinweg, wichtig und sinnvoll. Dazu soll das Projekt langfristig beitragen.

Wenn Sie in 10, 20 Jahren auf den Pflegeberuf schauen, was sollte sich verändert haben?

Astrid Stephan: In Nordrhein-Westfalen werden gerade Wahlen zur Pflegeberufekammer vorbereitet. In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz wurden bereits Kammern gegründet oder befinden sich in Gründung. In 20 Jahren würde ich gerne sehen, dass es in ganz Deutschland Pflegekammern gibt und wir als Berufsgruppe vielmehr als jetzt zur Lösung der Probleme beitragen können. Dann sollten auch die Fragen zur Personalbemessung in der Pflege gelöst sein. Und ich würde natürlich gerne sehen, dass unser Pilotprojekt an der Uniklinik erfolgreich war und unseren Patientinnen und Patienten zugutegekommen ist.

Astrid Stephan hat nach der Ausbildung zur Krankenpflegerin unter anderem auf einer chirurgischen Station gearbeitet und danach Pflegewissenschaft studiert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete sie in verschiedenen Projekten der Pflege- und Versorgungsforschung, an der Universität Witten/Herdecke, an der Heinrich-Heine-­Universität Düsseldorf und zum Schluss an der Martin-Luther-Universität Halle-­Wittenberg. Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes hat sie 2016 an der Universität Witten/Herdecke promoviert. Seit knapp drei Jahren arbeitet Astrid Stephan an der Uniklinik RWTH Aachen im Bereich Pflegeentwicklung.