Kleiner Wurm ganz groß

Bundesweit werden pro Jahr rund fünf Millionen Blutkonserven benötigt. Doch in der Ferienzeit oder während einer Grippewelle wird es überall in Deutschland eng mit der lebenswichtigen Blutversorgung. Ein kleiner Wurm könnte Abhilfe schaffen.

Nach einem schweren Unfall mit viel Blutverlust braucht eine Patientin sofort Blutkonserven. Die Zeit ist zu knapp, um ihre Blutgruppe zu bestimmen. Darum verabreichen die Mediziner ihr eine Transfusion mit der Blutgruppe 0, Rhesus negativ, denn diese Blutgruppe vertragen fast alle Menschen. Das Problem: Sie ist sehr selten, nur rund sechs Prozent der Menschen in Deutschland haben sie. Umso größer ist die Herausforderung für Blutspendedienste, immer ausreichend Blut dieser Notfallblutgruppe vorzuhalten.

Ein Blutersatzstoff müsste unbegrenzt lagerbar und stets und überall verfügbar sein. Und er müsste Blutgruppenunabhängig sein.

Des Rätsels Lösung scheint künstliches Blut zu sein, doch die Anforderungen an einen Ersatzstoff sind hoch, wie Dr. med. Gabriele Hutschenreuter, Leiterin der Transfusionsmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen, weiß. „Wir müssten ihn unbegrenzt lagern können, er müsste stets und überall verfügbar sein und wir bräuchten keine Rücksicht mehr auf die verschiedenen Blutgruppen zu nehmen.” Bereits seit vielen Jahrzehnten forschen Wissenschaftler nach diesem perfekten Blutersatz. Dennoch ist es bislang nicht gelungen, die künstlich hergestellten Blutersatzstoffe überhaupt durch die klinische Vorprüfung zu bringen.

Kleines Tier ganz groß

Nun kommt der Wattwurm ins Spiel. Er war eigentlich nur als Köder fürs Angeln bekannt – bis der Wissenschaftler Franck Zal und sein Team dessen großes Potenzial erkannten. Denn der Wattwurm verfügt über ein Hämoglobinmolekül, das rund 50 Mal größer ist als unseres. Mit diesem transportiert er den Sauerstoff in seinem Körper. Diese Aufgabe könnte er auch beim Menschen übernehmen. Das fanden die Forscher in einem Experiment mit Mäusen und Kaninchen heraus. Sie entzogen den Tieren fast komplett das eigene Hämoglobin und ersetzten es durch die aus den Wattwürmern gewonnene Substanz „Hemarina M101”. Die Mäuse und Kaninchen zeigten keinerlei Abstoßungsreaktionen und lebten ohne Komplikationen weiter.

Der einzige Ersatz für Blut bleibt Blut.

„Beim menschlichen Blut ist der Austausch nicht so einfach, ganz im Gegenteil. Wenn Empfänger- und Spenderblut nicht kompatibel sind, kann es zu einer lebensgefährlichen Verklumpung des Blutes kommen”, erklärt Dr. Hutschenreuter. Hemarina M101 dagegen wäre universell einsetzbar. Bis das Ersatzblut vom Wattwurm beim Menschen zum Einsatz kommen kann, muss es allerdings noch zahlreiche klinische Studien durchlaufen. Diese sind hochkomplex, es werden noch mindestens zehn Jahre vergehen, bis erste Ergebnisse vorliegen. Bis dahin gilt: Der einzige Ersatz für Blut bleibt Blut.

Haben die klassischen Blutkonserven irgendwann ausgedient, wenn sich die Forschung zu Blutersatzstoffen konkretisiert?

Wieso künstliches Blut?

  • Mit gespendetem Blut ist ein Infektionsrisiko verbunden, das sich durch sorgfältige Auswahl, Testung und Aufbereitung der Spenden sicher bis auf einen sehr kleinen Rest minimieren, aber nie gänzlich ausschalten lässt.
  • Spenderblut wird immer begrenzt zur Verfügung stehen. Für Patienten mit seltenen
    Blut gruppen sind entsprechend wenige Konserven vorhanden. Besonders gravierend ist die Versorgungssituation in Entwicklungsländern, die die Ressourcen für Aufbau und Unterhaltung eines Blutspende systems nicht aufbringen können.
  • Blut ist sehr empfindlich. Es muss schonend behandelt und gelagert werden und ist nur begrenzt haltbar (Erythrozyten-konzentrate bis zu 42 Tage).
  • Die verschiedenen Blutgruppen sind ein großes Hindernis bei der Versorgung mit Blutkonserven. Sind Spender- und Empfängerblut nicht kompatibel, kann das tödlich enden. Trotz aller Sorgfalt und Kontrollvorschriften ist eine Transfusion inkompatiblen Blutes nie ganz auszuschließen – sei es aufgrund falscher Testergebnisse oder durch menschliches Versagen.