Apropos Blut: Buchtipp

Wenn das Blut zu uns spricht

„There is one more thing …” Mit diesem legendären Einwurf leitete der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs ein, wenn er die digitale Welt zu revolutionieren suchte – und präsentierte dafür stets ein weiteres Apple-Produkt. Denselben Satz möchte man beinahe anstimmen, wenn Ulrich Bahnsen, Wissenschaftsjournalist und Zeit-Redakteur, mit einer gehörigen Portion Enthusiasmus detailreich auf die Fülle der neuen Bluttestverfahren zu sprechen kommt. Verfahren, die vermeintlich verborgene Informationen im Blut auswertbar machen und sehr viel früher als bisher mögliche Erkrankungen anzeigen können – und das mit einer hohen Zuverlässigkeit und einer vergleichsweise geringen Belastung für die Testpersonen.

Viele Informationen, die wir so gerne hätten, lassen sich bereits heute aus einem Tropfen Blut gewinnen. Und das ist erst der Anfang. Ulrich Bahnsen hat mit führenden Wissenschaftlern auf der ganzen Welt gesprochen und beschreibt facettenreich und gekonnt die neuesten Entwicklungen in den Forscherlabors und ihre Folgen für den Alltag im 21. Jahrhundert. Krebs-Früherkennung, vorgeburtliche Diagnostik und die biologischen Prozesse des Alterns – allein diese ein-drucksvollen Beispiele machen deutlich, welch enormes Potential in unseren Adern schlummert. Es sind eben Tests für Fragen, die viele Menschen umtreiben: Wird mein Kind gesund sein? Welche Krankheiten kommen auf mich und meine Angehörigen zu? Was ist in mir bereits angelegt: Drohen vielleicht Krebs oder Demenz? Kann ich etwas tun, um diese Krankheiten zu verhindern? Natürlich gilt: Wer wüsste nicht gerne Antworten auf diese Fragen. Umgekehrt gilt, so Bahnsen, aber auch: Wer hätte keine Schwierigkeiten, mit eben diesen Antworten richtig umzugehen?

Die Möglichkeiten der Testverfahren lassen aufhorchen und werfen einen langen Schatten auf diese Entwicklungen, die mit der Emphase und dem Selbstbewusstsein wissenschaft-licher Revolutionen daherkommen. Wie werden wir mit diesem Wissen umgehen, wenn wir wissen, was uns wohl erwartet? Wie können wir entscheiden, was wir wissen wollen und was nicht? Und was geschieht, wenn diese Informationen unbeabsichtigt in die Hände Dritter geraten? Diese Fragen lassen sich wiederum nicht auf dem Wege medizinsicher Forschung beantworten. Es sind ethische Fragen, die einer breiten gesellschaftlichen Debatte bedürfen. Das setzt zweifel-los voraus, dass die Techniken verständlich beschrieben und mit ihren Möglichkeiten bewertet werden. Bahnsen bietet genau dies: ein spannendes Wissenschaftsbuch und einen engagierten Beitrag über Fortschritt und Verantwortung in Wissenschaft und Medizin, Politik und Gesellschaft.

„Das Leben lesen: Was das Blut über unsere Zukunft verrät” ist im Droemer Verlag erschienen und hat 272 Seiten (ISBN: 978-3-426-27711-9).