Wenn die Menstruation krank macht

Endometriose ist ein weitverbreitetes, jedoch wenig bekanntes chronisches Frauenleiden, das im schlimmsten Fall zu Unfruchtbarkeit führt. Viele Betroffene halten ihre Beschwerden irrtümlich nur für außergewöhnlich starke Regelschmerzen und leiden still. Meist vergehen mehrere Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

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Ihre Mutter sagte ihr, dass Regelschmerzen ganz normal seien. Bereits als Mädchen litt Laura während ihrer Regelblutung an starken Unterleibsschmerzen. „Da meine Mutter und meine Schwester selbst immer starke Beschwerden hatten, dachte ich, dass Schmerzen ganz normal seien und habe die Beschwerden nicht ernst, sondern einfach hingenommen. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass es krankhaft sein könnte“, erzählt die heute 34-Jährige. Mit den Jahren wurden die Schmerzen immer schlimmer und waren kaum mehr zu ertragen. „Die extrem stechenden Bauchschmerzen wurden so stark, dass ich dachte, ich könnte das überhaupt nicht aushalten und würde gleich ohnmächtig werden“, erzählt Laura. Bei einer notfallmäßigen Kontrolle stellte ihr Frauenarzt eine Vergrößerung ihrer Eierstöcke sowie Verwachsungen im Bauchraum fest. Endgültige Gewissheit schaffte dann eine Bauchspiegelung – Laura erhielt mit Ende 20 die Diagnose Endometriose.

Langer Leidensweg bis zur Diagnose

So wie Laura ergeht es vielen Betroffenen, weiß Dr. med. Svetlana Tchaikovski, Leiterin des Endometriosezentrums an der Uniklinik RWTH Aachen. Schmerzen während der Periode, unnatürlich starke Blutung, das sollten erste deutliche Warnsignale für jede Frau sein. Doch in der Praxis sieht es leider völlig anders aus. „Symptome wie Unterleibsschmerzen und Krämpfe sind die gleichen wie bei einer schmerzhaft verlaufenden Regel und treten auch gemeinsam mit ihr auf. Daher denkt man bei Regelschmerzen nicht gleich an eine Endometriose“, so Dr. Tchaikovski. Mit geschätzten 40.000 Neuerkrankungen im Jahr ist Endometriose keine seltene gynäkologische Erkrankung. Allein 20.000 Frauen werden jährlich wegen Endometriose in die Klinik eingewiesen. Die meisten sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Dennoch ist die Erkrankung in der Gesellschaft noch nicht ausreichend bekannt, was zu einer verzögerten Diagnosestellung und damit einem langen Leidensweg beiträgt. „Bedingt durch die vielen unterschiedlichen Endometriose­herde, beispielsweise an Eierstöcken, Darm, Blase oder Beckenwand, ist der Schmerzcharakter oft sehr komplex“, sagt die Expertin. Das Wissen über Entstehung und Ursachen von Endometriose ist noch immer sehr begrenzt. Zwar gibt es Theorien, die das Auftreten von Gebärmutterschleimhaut-Zellen an anderen Körperstellen erklären. Doch warum es manche Frauen trifft und andere nicht und wieso sich Zellgewebe überhaupt „verirrt“, ist noch ungeklärt.


1 von 10 Frauen im fruchtbaren Alter zwischen 15 und 49 Jahren ist an Endometriose erkrankt. Rund 200 Millionen Frauen weltweit leiden an Endometriose.


Monatszyklus am falschen Ort

„Die wichtige Nachricht vorweg: Endometriose ist kein Krebs. Die Zellen der Gebärmutterschleimhaut sind nicht bösartig verändert, sie befinden sich eben nur am falschen Ort“, betont Dr. Tchaikovski. Zellgewebe, das zur Schleimhaut der Gebärmutter gehört, wächst im Körper an Stellen, wo es nicht hingehört. Solche Endometrioseherde verteilen sich in der gesamten Bauchhöhle. „Gesteuert wird der Kreislauf des Monatszyklus durch das Zusammenspiel mehrerer Hormone wie GnRH, FSH, LH, Progesteron und Östradiol. Im Takt mit diesen Hormonen baut sich auch in den Endometrioseherden die Schleimhaut auf und blutet bei der Menstruation ab. Blut und Schleimhaut stauen sich aber in den Endometrium-Ansammlungen, da der Abfluss fehlt. Sie rufen Entzündungen hervor, die meist Ursachen für die starken Schmerzen sind“, erklärt die Gynäkologin. Wenn die Wucherungen sich an die Eierstöcke oder den Eileiter anheften, kann dies zu Unfruchtbarkeit der betroffenen Frau führen. Endometriose ist somit eine stark beeinträchtigende und ernsthafte Krankheit, aber nicht lebensgefährlich.

Typische Symptome

Eine Endometriose kann völlig unbemerkt bleiben. Manche Frauen haben nur leichte Beschwerden, andere wiederum leiden sehr stark unter der Krankheit. Neben den Regelschmerzen und starken Blutungen sind zum Beispiel auch Schmerzen beim Eisprung, beim Geschlechtsverkehr oder beim Toilettengang möglich. „Weil auch die Blase oder der Darm Beschwerden machen können, zählen wiederkehrende Blasenentzündungen ohne bakterielle Ursache oder Blut im Urin oder dem Stuhl ebenfalls zu möglichen Hinweisen, die unbedingt vom Frauenarzt abgeklärt werden sollten“, empfiehlt die Expertin.

Bauchspiegelung schafft Klarheit

Vom ersten Auftreten der Beschwerden bis zur Diagnose vergehen im Durchschnitt bis zu sieben Jahre. Anhand konkreter Symptome kann die Frauenärztin oder der Frauenarzt schon eine recht gute Verdachtsdiagnose stellen. Eine gründliche frauenärztliche Untersuchung sowie das sorgfältige Abtasten des Unterleibs können den Verdacht erhärten oder entkräften. „Mit einer Ultraschalluntersuchung können wir nach größeren Endometrioseherden suchen, beispielsweise flüssigkeitsgefüllten Schwellungen, also Zysten. Kleinere Stellen sind dabei aber meist nicht sichtbar. Daher kann nur eine Bauchspiegelung, die Laparoskopie, endgültige Gewissheit schaffen“, so Dr. Tchaikovski. Die Diagnose via Laporoskopie dient nicht nur dem Nachweis der Krankheit, sondern gleichzeitig auch der Therapie. Gleich während des ersten minimal-invasiven Eingriffs werden, sofern möglich, die Endometriose­herde entfernt und damit die Ursache der Schmerzen beseitigt.

Individuelle medizinische Behandlung

Wenn eine Endometriose keine Probleme verursacht und sich nicht verschlimmert, ist üblicherweise keine Therapie notwendig. Wenn jedoch Schmerzen auftreten oder die Verwachsungen die Fruchtbarkeit der Frau bedrohen, sollte immer behandelt werden. Aktuell gibt es drei Behandlungsmöglichkeiten: Operation, Medikation mit Schmerzmitteln und/oder mit Hormonen sowie ergänzende Heilmethoden. „Welchen Weg der Behandlung man letztendlich einschlägt, richtet sich nach dem Ausmaß der Beschwerden und nach den persönlichen Bedürfnissen der Patientin – auch im Hinblick auf Kinderwunsch. Die medizinische Behandlung wird somit immer individuell auf die Patientin abgestimmt“, so die Frauenärztin.

 


Myome

Ebenfalls zu den häufigsten gutartigen gynäkologischen Erkrankungen gehören die Myome. Dabei handelt es sich um gutartige hormonabhängige Geschwulste bzw. Muskelwucherungen in oder auf der Gebärmutter, die jede zweite bis dritte Frau im gebär­fähigen Alter betreffen. Da die Anzahl, Größe und die Lage von Myomknoten so variabel sind, leben viele Frauen beschwerdefrei. Meist werden Myome bei einer Routineuntersuchung entdeckt. Die Symptome ähneln denen der Endometriose: Regel- und Rückenschmerzen, ein Druckgefühl im Bauch, schmerzhafte und/oder sehr starke Regelblutungen. Bei beiden Erkrankungen sind die Ursachen trotz intensiver Forschung nach wie vor unbekannt, aber recht gut behandelbar.