Nicht mehr ständig müssen müssen

„Schatz, können wir los?“ „Gleich, ich muss noch mal kurz.“ Klingt vertraut? Dann leiden Sie womöglich unter Blasenschwäche. Priv.-Doz. Dr. med. Laila Najjari, Oberärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin an der Uniklinik RWTH Aachen, beantwortet im Interview mit apropos die wichtigsten Fragen rund um das viel beschwiegene Thema. Außerdem erklärt sie, wie ein Blasen­schrittmacher helfen kann.

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Frau Dr. Najjari, über Blasenschwäche sprechen betroffene Frauen nicht gern, oder?
Dr. Najjari: Leider nein. Dabei klagen rund 50 Prozent aller Frauen über dem 45. Lebensjahr gelegentlich über Inkontinenzprobleme. Zehn Prozent von ihnen leiden sogar unter erheblichen Einschränkungen im Alltag. Trotzdem trauen sich nur wenige, das Problem anzusprechen und medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Sie möchten das Thema also aus der Tabuzone holen?
Dr. Najjari: Ja, unbedingt. Niemand sollte sich dafür schämen. Glücklicherweise sehen auch viele andere Kolleginnen und Kollegen das so. Zum Beispiel veranstaltet die Deutsche Kontinenzgesellschaft einmal jährlich im Juni die World Continence Week. Das ist aus meiner Sicht ein guter Schritt Richtung Bewusstmachung und Aufklärung.

Apropos Aufklärung: Was genau versteht man denn unter Blasenschwäche?
Dr. Najjari: Blasenschwäche, unter Medizinern „Harninkontinenz“ genannt, beschreibt die fehlende Fähigkeit, Harn sicher in der Harnblase zu speichern. Die Frau kann also den Ort und den Zeitpunkt der Entleerung nicht selbst bestimmen, das Resultat ist unwillkürlicher Urinabgang. Nach der Belastungsinkontinenz, also dem Urinverlust bei körperlicher Aktivität, ist die Dranginkontinenz eine der häufigsten Formen von Blasenschwäche. Sie geht mit plötzlich auftretendem Harndrang einher, der oft in kurzen Zeitabständen und auch bei geringer Blasenfüllung auftritt.

Welche Möglichkeiten der Diagnostik gibt es?
Dr. Najjari: Wir führen eine gezielte Diagnostik mit modernster Ausrüstung durch, zum Beispiel die Perinealsonographie, die Urethrozystographie oder die Zystoskopie. Vor allem eine Blasendruckmessung hilft, genauer zwischen Stress- und Drang­inkontinenz zu unterscheiden und damit die richtige Therapieempfehlung auszusprechen. Im Vordergrund steht aber zunächst einmal das ausführliche Gespräch mit unseren Patientinnen.

Priv.-Doz. Dr. med. Laila Najjari ist Leiterin des Kontinenzzentrums an der Uniklinik RWTH Aachen. Sie sagt: „Blasenschwäche ist leider nach wie vor ein Tabuthema, obwohl so viele Frauen davon betroffen sind.“

Wie bekommt man die Blasenschwäche in den Griff?
Dr. Najjari: Es gibt konservative Maßnahmen wie Beckenbodentraining mit Biofeedback, Einleitung eines Blasen- und Miktionstrainings und die Einspritzung von Botox in die Muskulatur der Blase. Damit konnten wir in der Vergangenheit gute Ergebnisse erzielen.

Und was, wenn das nicht mehr hilft?
Dr. Najjari: Dann müssen wir moderne operative Therapieverfahren nutzen. Neben minimal-invasiven Eingriffen wie der Band-Einlage bei der Belastungsinkontinenz nehmen wir in unserer Klinik auch Dammkorrekturen und Blasen- und Darmhebungen bei Senkungsbeschwerden vor. Ein neuwertiges Verfahren in der Behandlung von Dranginkontinenz stellt die Implantation eines Blasenschrittmachers dar.

Wie funktioniert der Blasenschrittmacher?
Dr. Najjari: Der Blasenschrittmacher gibt elektrische Impulse an die sogenannten Sakralnerven ab, die die Funktion von Blase und Enddarm steuern. Die Sakralnerven liegen im Bereich des Kreuzbeins und gehören zum peripheren Nervensystem, das den Blasenmuskel, aber auch den Beckenbogen und Schließmuskel vom Gehirn über die Nerven steuert. Die Nervenstimulation durch den Blasenschrittmacher hilft dabei, ungewollte oder sogar irrtümliche Signale, die über diese Nervenbahnen gesendet wurden, zu korrigieren. Der Schrittmacher soll dazu beitragen, die Symptome zu lindern oder gänzlich zu beseitigen. So können wir unseren Patientinnen eine höhere Lebensqualität ohne Angst vor unwillkürlichem Harnabgang ermöglichen.

Sie sprechen vor allem von Patientinnen. Wie schaut es denn mit der Männerwelt aus? Bleibt sie vor Blasenschwäche verschont?
Dr. Najjari: Nein, aber Frauen sind wesentlich häufiger betroffen und als Gynäkologin ist das natürlich meine Kernzielgruppe. Um männliche Patienten kümmert sich mein Kollege Dr. Sajjad Rahnama’i aus der Klinik für Urologie. Wir leiten gemeinsam das Kontinenzzentrum an der Uniklinik RWTH Aachen.

Wo können Betroffene weitere Informationen einholen?
Dr. Najjari: Auf der Uniklinik-Homepage stellen wir ein umfassendes Informationsangebot bereit. Hier finden Sie auch alle Kontaktmöglichkeiten und Sprechstundentermine. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!

Website der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin

Website der Klinik für Urologie