Die Dosis macht das Gift

Wer Kinder hat, kennt es: Quengeln, Verhandeln, wieder Quengeln, Wutausbrüche, gestörter Familienfriede – und alles nur wegen Fernsehen, Spielekonsole und Co. Digitale Medien beeinflussen unseren Familienalltag immens und täglich geht es erneut um die Frage: Darf ich? Noch eine Folge? Noch ein Spiel? Noch zehn Minuten?

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Warum sind unsere Kinder solche Bildschirm-Junkies und warum können wir Eltern sie nicht überzeugen, dass es doch viel schöner ist, ein Bild zu malen oder ein Buch zu lesen? Warum schauen Teenies fremden Menschen auf YouTube beim Schminken zu, während ihre Mutter das gleiche nebenan im Bad tut? Und warum spielen Jungs stundenlang Fifa, anstatt auf dem Bolzplatz zu kicken?

Antworten gibt Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Kerstin Konrad aus der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik RWTH Aachen. Sie untersucht die Auswirkungen von digitalen Medien auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Vor allem die Hirnentwicklung und die sich daraus ergebenen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen liegen im Fokus der Forscherin. Als Mutter von drei Kindern kennt sie die Problematik aber nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch aus dem eigenen Familienleben.

Frau Prof. Konrad, beim Puzzeln, Legobauen oder Malen gibt es in der Regel keine panikartigen Schreianfälle, wenn es ans Aufräumen geht. Wenn allerdings ein Bildschirm ausgeschaltet wird, kommt es in vielen Familien zum Eklat. Warum können Kinder von Videospielen, Chats und Fernsehserien nicht genug bekommen?

Prof. Konrad: Bildschirmaktivitäten lösen nicht nur bei Kindern einen ganz speziellen Reiz aus. Es findet eine starke sensorische Stimulation statt, ohne dass sich der Nutzer wirklich anstrengen muss. Bei den meisten Computerspielen und in sozialen Netzwerken greift zudem ein Reward-Mechanismus, das heißt, es gibt ganz schnell und sehr direkt eine Belohnung. Der Spieler erhält nach einem Treffer ein positives Feedback, bekommt Punkte oder ein Leben. In sozialen Medien gibt es auf einen Post ebenfalls sehr schnell eine Rückmeldung, der Beitrag wird geteilt, geliked oder kommentiert, man bekommt Follower. Das alles schüttet beim Nutzer Dopamin aus, man fühlt sich gut. Und man will mehr davon. Und man will mehr davon. Das erinnert an suchtähnliches Verhalten. Wirklich pathologisch, also krankhaft, ist das aber erstmal nicht.

Warum ist es für viele Eltern so schwer, das richtige Maß für den Medienkonsum ihrer Kinder zu finden?

Prof. Konrad: Der Medienkonsum hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die sogenannten Screenzeiten, also die Zeit, die Kinder vor einem Bildschirm verbringen, werden immer länger. Da entsteht leicht ein Gefühl des „zu viel“, vor allem wenn die Elterngeneration ihre eigene Kindheit als Vergleich heranzieht. Weil sich die Lebensumwelt so schnell ändert, fehlt vielen Eltern das Gefühl dafür, was richtig und was falsch, was noch ok und was schon schädlich für ihre Kinder ist. Außerdem wird die Diskussion um die Nutzung von digitalen Medien in der breiten Öffentlichkeit teilweise sehr emotional geführt, anstatt sich auf Fakten zu berufen. Die Entwicklung ist einfach unfassbar schnell, da kann selbst die Forschung nur schwer Schritt halten. Es wäre besser, mehr Fakten zu haben. Daran arbeiten wir.

Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Kerstin Konrad untersucht an der Aachener Uniklinik die Auswirkungen von digitalen Medien auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Früher schrie Mutti schon nach einer Folge Daktari: „Fernseher aus, sonst bekommt ihr viereckige Augen.“ Wirklich recht hatte sie damit aber nicht …

Prof. Konrad: Ja, genau so war es. Die Angst vor Bildschirmmedien war schon immer da. Da fühlen sich die Eltern heute nicht anders als vor 40 Jahren. Und genau wie damals sind die Fakten zum Einfluss der aktuellen Medien noch vergleichsweise dürftig. Fakt ist hingegen: Die Nutzung dieser Medien gehört zur Lebensrealität der Kinder dazu. Auch weil wir es ihnen natürlich vormachen. Wenn die Eltern hunderte Male am Tag aufs Handy gucken, dann ist es für die Kinder auch völlig normal, dass sie mit drei Jahren oder früher ein Tablet bedienen können. Und die Großeltern schauen staunend zu. Aber eine besondere Leistung ist es trotzdem nicht. Einfachste Bewegung, Hand-Augen-Koordination, dafür ist der Mensch schon früh gemacht. Das ist weder gut noch schlecht. Für die Eltern ist es nur wichtig, zu begreifen, dass sie ihre Kinder bei der Nutzung dieser Medien begleiten müssen.

Also so etwas wie gemeinsam fernsehen?

Prof. Konrad: Auch, aber es muss weit darüber hinausgehen. Im Grunde ist es so wie bei der Verkehrserziehung: Man muss ein gutes Vorbild sein, das richtige Verhalten schon früh üben und begleiten und mit dem fortschreitenden Alter am Ball bleiben. Das Kindergartenkind lernt, auf dem Bürgersteig zu warten, später, wie es über die Straße geht. Als Schüler gibt es die Radprüfung, dann den Führerschein. Niemand würde Kindern dieses Feld alleine überlassen. Bei Fernsehen, Spielekonsole, Internet und Handy gilt das gleiche. Übertragen bedeutet das, Eltern müssen sich mit dem medialen Leben ihrer Kinder genau und kontinuierlich auseinandersetzen. Sie müssen sie an die Hand nehmen und ihnen den Weg durch die digitale Welt zeigen. Sie sollten wissen, welche Serien sie sehen, ihre Spiele kennen, wissen, welche Apps sie nutzen und wie wichtig die verschiedenen Medien in den verschiedenen Phasen ihres Lebens sind. Wer seinem Kind in der 5. Klasse ein Smartphone verbietet, tut ihm möglicherweise nicht nur Gutes. Wer es damit allein lässt, allerdings auch nicht. Wenn elfjährige Mädchen mit ihren Freundinnen Handyvideos drehen, ist das per se ja nichts Schlimmes. Wenn sie über eine App aber einen öffentlichen Account anlegen und diese Videos dort für alle Welt zugänglich machen, sehr wohl. Denn dann steht nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Sicherheit auf dem Spiel. Den Unterschied macht manchmal nur ein verstecktes Häkchen in den Einstellungen. Da sollten Eltern wachsam sein.

„Man sollte die digitalen Medien nicht verteufeln.“
Prof. Kerstin Konrad

Das setzt aber ein gewisses Wissen der Eltern voraus.

Prof. Konrad: Ja, man sollte sich informieren und informiert bleiben. Aber das müssen Eltern ja auch in vielen anderen Lebensbereichen ihrer Kinder tun. Immer mehr Eltern gehören mittlerweile ja auch schon selbst zur Generation der Digital Natives. Viele Väter haben beispielsweise den gleichen Spaß an Spielekonsolen wie ihre Söhne. So kann ein Austausch mit den Kindern stattfinden. Auf dieser Basis kann man sich dann weiter über die genutzten Medien informieren. Schlecht ist, wenn Eltern erstmals von den Risiken des neusten In-Spiels erfahren, wenn es bei den Kids schon wieder out ist. Leicht ist das nicht. Die Entwicklung geht rasend schnell, und irgendwie sind Kinder ab einem gewissen Alter immer einen Schritt voraus.

Was kann man als Eltern also tun?

Prof. Konrad: Mittlerweile gibt es viele Programme, mit denen sich die Nutzungszeiten von Smartphones, Tablets und Computern im Haushalt individuell regeln lassen. Die Geräte sperren auch gewisse Seiten oder Apps und gehen nach der eingestellten Zeit automatisch offline, da helfen dann auch keine Diskussionen. Damit kann man Regeln zum Medienkonsum natürlich sehr gut umsetzen. Aber man muss auch aufpassen, dass Kinder diese Technik nicht irgendwann umgehen.

„Eltern müssen sich mit dem medialen Leben ihrer Kinder genau und kontinuierlich auseinandersetzen. Sie müssen sie an die Hand nehmen und ihnen den Weg durch die digitale Welt zeigen“, sagt Prof. Konrad. (© pressmaster – stock.adobe.com)

Und was kann man tun, wenn man diese technischen Möglichkeiten nicht nutzen kann oder möchte?

Prof. Konrad: Kinder können sich selbst nicht regulieren. Die sagen nicht nach zwei Folgen Wickie oder 30 Minuten Chatten mit der Freundin „So jetzt habe ich genug, ich mache das Gerät aus“. Man muss klare Absprachen treffen, die auch konsequent umgesetzt werden. Die Kinder müssen wissen, was sie wann dürfen und dann sollte es auch möglichst keine Ausnahmen geben. Sonst kommt man aus den Diskussionen nicht heraus. Es gibt gute Richtwerte, an denen sich Eltern orientieren können, aber am Ende muss jede Familie das nach ihren Bedürfnissen und dem individuellen Charakter der Kinder entscheiden. Für den einen Erstklässler ist täglich eine halbe Stunde Spielekonsole ok, andere lassen unter der Woche Fernseher und Co ganz aus, damit die digitalen Medien nicht zum Dauerstreitthema werden. Bei älteren Kinder kommt mit dem Handy noch mal eine ganz andere Dynamik in das Thema. Aber auch hier machen handyfreie Zonen und Zeiten Sinn.

Wofür brauchen Kinder denn diese medialen Auszeiten genau?

Prof. Konrad: Im Grunde entwickelt sich der Wunsch nach der Nutzung digitaler Medien oft aus einer Langeweile heraus. Diese Langeweile auszuhalten ist schwer, aber auch sehr wichtig. Nur aus Langeweile heraus entsteht Kreativität. Das dürfen Eltern nie vergessen, wenn sich ihre Kinder knöternd über den Boden rollen und um Fernsehzeit betteln. Für ältere Kinder und Jugendliche gilt das Gleiche. Zugegeben, für Eltern ist das manchmal schwerer zu ertragen als für die Kinder. Aber diese unstrukturierte Zeit ohne Beschäftigung ist für Kinder sehr, sehr wichtig. Gerade heutzutage, wo die Kinder sowieso durch Ganztagsbetreuung und Hobbys stark durchgetaktet sind. Mein Tipp: Bleiben Sie stark und „gönnen“ Sie Ihren Kindern diese Langeweile. Am Ende entsteht oftmals ein ungeahnt positives, kreatives Spielerlebnis.

Kinder können sich selbst nicht regulieren. Sie müssen wissen, was sie wann dürfen.

Solange es genug dieser Momente gibt, stimmt also die Balance?

Prof. Konrad: Ja, am Ende macht die Dosis das Gift. Ist die Dosis zu hoch, gibt es negative Effekte. Zum Beispiel körperliche wie Bewegungsmangel und Adipositas, aber auch Augenbrennen oder Kopfschmerzen. Auch ADHS-Symptome, Unaufmerksamkeit und Aggressionen können möglicherweise Folgen vor allem bei übermäßigem Spiele- oder Fernsehkonsum sein. Darüber hinaus gibt es die krankhafte Internetspielsucht, wenn sich das Leben nur noch ums Zocken dreht. Nicht zu vernachlässigen ist auch der negative Einfluss von Cybermobbing auf die Entwicklung des Selbstwertes in extremen Fällen können Schamgefühle bis hin zu Suizidversuchen die Folge sein. Das erleben wir in der Klinik nicht selten. Doch für die meisten Kinder geht es nicht um diese gravierenden Folgen, sondern eher darum, was ihnen in ihrer gesunden Entwicklung guttut, und dass sie Familie und Freunde, Sport und Spiel nicht vernachlässigen.

Gibt es denn auch positive Effekte?

Prof. Konrad: Die Effekte sind auf jeden Fall nicht ausschließlich negativ und daher sollte man die digitalen Medien auch nicht verteufeln. Studien zeigen, dass viele Computerspiele die Reaktionszeit und Navigationsfähigkeiten verbessern. Wenn Kinder lesen lernen, bilden sich im Gehirn neue Strukturen, neue Netzwerke aus. Niemand würde sagen, das sei schlecht. Bei der Nutzung von Computerspielen verändert sich das Gehirn ebenfalls. Auch das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Manchmal wird behauptet, die digitalen Medien würden die Kinder vereinsamen lassen. Im Normalfall ist auch das nicht zutreffend. Die soziale Interaktion und das Zusammengehörigkeitsgefühl sind beim Spielen und Chatten schon groß. Das können Eltern manchmal nicht nachvollziehen. Die Anforderungen an unsere Kinder haben sich verändert. Sie müssen heute Dinge leisten und können, die vor 30 Jahren nicht gefragt waren. In einer Studie sollten zwei Probandengruppen etwas lernen. Der einen Gruppe wurde gesagt, sie dürfe bei der Abfrage des Gelernten Google hinzuziehen. Es wurde beobachtet, dass beide Gruppen strategisch völlig anders lernten. Und das ist eine wichtige Erkenntnis! Wir müssen uns heute keine Telefonnummern mehr merken. Das macht unser Handy. Schlimm? Nicht notwendigerweise! Unser Gedächtnis wäre mit der Speicherung der heutigen Informationsflut überfordert. Das Internet als digitales Langzeitgedächtnis kann also hilfreich sein.