Ein bewegtes Leben: Astrid Lindgren fasziniert immer noch

Buchcover

Manchmal packt einen als Leser regelrecht die Lust auf eine Biografie. Wäre das Leben von Astrid Lindgren dabei die erste Wahl? Anders gefragt: Gibt es eigentlich jemanden, der Astrid Lindgren und ihre Bücher nicht kennt?

Sie ist die Lichtgestalt der skandinavischen Literatur und gehört mit einer Gesamtauflage von etwa 160 Millionen Büchern zu den bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren der Welt. Als Schöpferin von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter, Madita, Mio, Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach, den Kindern aus Bullerbü und vielen anderen Figuren, die uns seit Kindertagen und Generationen vertraut sind, braucht man sie eigentlich nicht vorzustellen. Aber was weiß man über die Frau hinter diesen Geschichten?

So viel sei gesagt: Dahinter steckt ein spannendes Leben, das von seinen Erfolgen und Brüchen gleichermaßen zehrt. Lindgren fasziniert immer noch, als Protagonistin der Gleichberechtigung und des Feminismus – und das zu einer Zeit, als es diese Bezeichnungen so noch gar nicht gab.

Anfangs porträtiert der Biograf eine stürmische Jugendliche, die schon früh gegen das ländliche Leben rebelliert, ohne ihre Arbeit in der Familie und auf dem Feld zu missachten. Der Wunsch, eigentlich Journalistin zu werden, existierte seit frühesten Tagen und so wurde Lindgren schon sehr früh als Volontärin in der größten Zeitung der Kleinstadt angestellt. Ausführlich berichtet Jens Andersen über ihre jungen Jahre, den Lebensgeist der neuen Generation, von einer neuen Zeit und der schwedischen Lebens- und Kulturgeschichte des anfänglichen 20. Jahrhunderts und streift dabei oft genug zentrale Ereignisse, die Lindgren prägten und die sie später ein Leben lang zu verbergen versuchte.

Dass der Höhepunkt des Buches einen Aufreger bereithält, überrascht kaum: Die Bürde, zu einer denkbar unpassenden Zeit ein uneheliches Kind auszutragen. Die achtzehnjährige Lindgren flüchtet überstürzt nach Stockholm. Der Kindsvater, ein Mann in Scheidung und Verleger der Zeitung, für die sie arbeitete – ein gutbürgerlicher Skandal. Liegt hier der Schlüssel für die vielen mutterlosen Figuren, der Grund für das Engagement für Frauen- und Kinderrechte?

Kann sein, muss aber nicht, denn dafür bietet die Biografie zu viele andere Anhaltspunkte – ein spannendes Vexierspiel aus Verstehen und Verhüllen. Andersen zeichnet das Bild einer Astrid Lindgren, die ein hartes Arbeitspensum hatte, pausenlos Kinderbücher schrieb, nachmittags im Verlag und anschließend noch mit privater Korrespondenz sowie zahlreichen Freundschaften und ihrer Familie beschäftigt war. Auch die Brüche zeichnet er nach: Ihr Sohn wächst in einer Pflegefamilie in Kopenhagen auf, kommt dann kurzzeitig zu anderen Pflegeeltern, zu Lindgren nach Stockholm, dann zu ihren Eltern und dann wieder zu ihr und ihrem neuen Mann.

Dem Autor ist es nicht nur gelungen, eine außergewöhnliche Frau und Persönlichkeit zu porträtieren. Er gewährt seinen Lesern einen exklusiven Blick hinter die Kulissen von Lindgren. Dabei geht es nicht nur um ihre Kindheit in Småland oder ihre Arbeit als Autorin. Vielmehr geht es um ganz persönliche Dinge, aber auch um große Politik. Ein Buch, das nicht nur für Fans der Lindgren-Bücher und ihrer Autorin lesenswert erscheint. Mit so manch überraschender Information: Welcher Lindgren-Leser hatte sich nicht schon einmal gefragt, warum das Schwein von Lotta eigentlich Teddy heißt?


Astrid Lindgren. Ihr Leben von Jens Andersen ist im Pantheon Verlag erschienen und hat 448 Seiten (ISBN: 978-3-570-55352-7).