Eine Tasche voll Leben

Seit sieben Jahren trifft man Manfred Lenz niemals ohne „die Tasche“. Denn anders als so manche Handtasche ist sein Gepäckstück wirklich lebensnotwendig: Für sein Herzunterstützungssystem „HeartMate“ lagern hier das Steuerungsgerät und die Akkus, die den „Herzkumpel“ in seiner Brust mit Strom versorgen und dem 66-Jährigen damit tagtäglich ein neues Leben schenken.

Es war purer Zufall, als eine Ärztin vor sieben Jahren feststellte, dass Manfred Lenz eine Herzleistung von nur noch zwölf Prozent hatte. „Seltsamerweise hatte ich das bis dahin gar nicht bemerkt und fühlte mich gut“, erzählt der Mann aus Baesweiler. Doch die Mediziner erkannten gleich den dringenden Handlungsbedarf und schickten Manfred Lenz in die Uniklinik RWTH Aachen.

In der Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie rieten Klinikdirektor Univ.-Prof. Dr. med. Rüdiger Autschbach und sein Team zu einem Ventricular Assist Device (VAD), einer mechanischen Herzpumpe, die das schwache Herz des Patienten unterstützen sollte. „Nach allen Untersuchungen und Vorbesprechungen vermittelte mir die Klinik den Kontakt zu einem Mann, der schon länger ein Herzunterstützungssystem trug“, erinnert sich Manfred Lenz. „Die Gespräche mit ihm haben mir viele Ängste genommen und die Entscheidung für das Gerät war schnell gefallen.“

„Ich bin dankbar, dass ich ‚die Tasche‘ habe. Die Alternative wäre, nicht mehr zu leben.“
Manfred Lenz

Und so wurde Manfred Lenz in einer viereinhalbstündigen Operation ein HeartMate II, der „Herzkumpel“ implantiert. „Diese VAD-Pumpe wird chirurgisch im Brustkorb implantiert und zwar in einem Beutel um das Herz, dem sogenannten Herzbeutel“, erklärt Prof. Autschbach. „Die Pumpe wird unten an der linken Herzkammer direkt mit dem Herz verbunden, wo sie sauerstoffreiches Blut ansaugt und in die Aorta pumpt. Über ein Kabel ist die Pumpe mit der Stromversorgung außerhalb des Körpers verbunden. Dieses tritt über einen kleinen Schnitt aus dem Körper aus und verläuft dann zur Steuereinheit.“

Ständiger Begleiter: Manfred Lenz und sein „Herzkumpel“.

Leben an der Batterie

Nun übernimmt das System, das Manfred Lenz nur „die Tasche“ nennt, seit diesem Tag die Hauptarbeit seines Herzens. Seine Leistungsfähigkeit verbesserte sich nach der OP schnell. Doch mit einem Fremdkörper in und an sich zu leben, daran musste er sich erst gewöhnen. „Ich hatte nie wirklich Angst, aber das eigene Leben dauerhaft in die Hand moderner Technik zu legen, ist trotzdem nicht einfach“, gesteht der ehemalige Gas- und Wasserinstallateur. Obwohl er gut mit dem Gerät zurechtkam, merkte Manfred Lenz schnell, dass er Menschen brauchte, mit denen er sich austauschen konnte. Hilfe fand er in einer Selbsthilfegruppe, in der er sich fortan auch selbst engagierte. Mittlerweile treffen sich regelmäßig alle drei Monate rund 30 Betroffene zum Austausch. „Wir geben uns gegenseitig Tipps, wie man das Leben mit einem VAD erleichtern kann“, erzählt er. Und natürlich sind auch die Experten der Uniklinik regelmäßige Gäste bei den Treffen.

„Viele Betroffene haben vor allem psychische Probleme. Das eigene Leben hängt an einer Batterie, viele haben ständige Sorgen, dass der Strom ausfällt, das Gerät kaputtgeht oder das Kabel herausreißt. Das ist für sie sehr belastend“, sagt er. Manfred Lenz selbst ist gelassen. Er hat ein Rezept gefunden, die Sorge zu minimieren: „Ich habe alles zum HeartMate gelesen, mich mit der Technik darin vertraut gemacht. Und ich weiß, dass es Leute gibt, die dieses Gerät schon zehn Jahre und länger in sich tragen. Warum sollte mir das nicht gelingen?“

Hoher Herzbedarf

„Die Herz­transplantation ist nach wie vor die effektivste Therapie bei Herzversagen“, erklärt Prof. Autschbach. „Doch die Zahl der Patienten, die auf ein neues Herz warten müssen, wird immer größer.“ In den Industrie­nationen stehen weltweit rund 3.000 bis 4.000 Spenderherzen pro Jahr zur Verfügung, 200.000 Herzen würden allerdings benötigt. Daher müssten die Mediziner mehr und mehr auf den Einsatz von Unterstützungssystemen zurückgreifen. Die Technik der Geräte hat sich in den letzten Jahren stark verbessert, Lebensdauer und Zuverlässigkeit haben sich erhöht. „Mittlerweile können die Systeme in der Regel sieben bis zehn Jahre das Herz unterstützen“, sagt Prof. Autschbach. „In dieser Zeit dienen sie entweder als Überbrückung bis zur Herztransplantation, bis das eigene Herz seine vollständige Funktionstüchtigkeit wiedererlangt hat, oder als endgültige Lösung, wenn eine Herztransplantation nicht gewollt oder nicht mehr möglich ist.“

Glücklich ohne Transplantation

Drei Jahre nachdem er den Heart­Mate eingesetzt bekam, sollte auch Manfred Lenz auf die Warteliste für ein Spenderherz gesetzt werden. Doch er winkte ab. „Ich fühlte mich so gut, dass ich dieses Nervenspiel und das hohe Risiko einer Herztransplantation nicht eingehen wollte. Außerdem gibt es sicher viele Menschen, die dringender ein Spenderherz brauchen“, sagt er und ist bis heute glücklich mit dieser Entscheidung. „Ich bin dankbar, dass ich ‚die Tasche‘ habe. Die Alternative wäre, nicht mehr zu leben.“

Das Ehepaar Lenz versucht so normal wie möglich weiterzuleben, auch wenn sich der Alltag geändert hat.

Trotzdem geben er und seine Frau Gerda sich Mühe, alle Risiken zu minimieren. Herzgesunde Ernährung zählt dazu und der wöchentliche Wechsel des Verbands, dort wo das Kabel aus seinem Bauch tritt. „Das macht meine Frau. Natürlich unter sterilen Bedingungen, da sind wir auch nach sieben Jahren noch sehr penibel“, erklärt Manfred Lenz. Im Internet fand er zudem einen besonderen Schutzmantel für das Kabel. „Den haben mittlerweile alle aus unserer Selbsthilfegruppe nachgerüstet“, erzählt er.

Das Leben ist anders, aber schön

Der Alltag habe sich schon geändert, erklärt seine Frau Gerda. „Aber wir versuchen so normal wie möglich weiterzuleben.“ Die Möglichkeit, zu jeder Zeit die Ansprechpartner in der Uniklinik zu kontaktieren, gibt dem Paar viel Sicherheit. Auch vor jedem Urlaub spricht Manfred Lenz mit VAD-Koordinator Thomas Berg, der ihm Tipps gibt, wo er am Urlaubs­ort im Notfall am schnellsten einen geeigneten Herzexperten findet.

Am liebsten fährt Familie Lenz an die Ostsee. „Ich war zwar nie ein begeisterter Schwimmer, aber seitdem ich nicht mehr ins Wasser darf, sehne ich mich schon manchmal danach“, erklärt Manfred Lenz. Wenigstens duschen kann er noch, da hat der Rentner eine spezielle Technik entwickelt, um seine Tasche trocken zu halten.

Und auch seine Arbeit fehlt dem Rentner, der mit 59 Jahren das Herz­unterstützungssystem bekam. Dafür tobt er sich heute in seinem Garten aus, zieht Gemüse, werkelt in seiner Laube und genießt das Familienleben mit seinen drei Kindern und drei Enkelkindern. Und trotzdem: „Das Leben ist einfach zu schön, um sich zu ärgern, dass es anderen besser geht“, resümiert er.

Nur eines macht Manfred Lenz nicht mehr: Sein Hobby, Formel 1-­Rennen zu besuchen und dort Fotos zu schießen, hat er aufgegeben. „Leider wird man mit Bauchtasche und heraushängenden Kabeln sehr oft von Sicherheitspersonal und Polizeibeamten angesprochen und kontrolliert. Da machen Besuche auf Massenveranstaltungen nur noch wenig Spaß.“