Diese eine verflixte Sekunde

Ein Unfall in der Küche verändert das Leben der vierjährigen Elfi: Als der Kochtopf umkippt und sich das heiße Wasser über sie ergießt, erleidet sie schwerste Verbrennungen. Mutter Birte Hauser erzählt, wie ihre Familie durch den Unfall ihrer Tochter aus dem Alltag gerissen wurde und erst langsam wieder ins Leben zurückfand.

Es ist oftmals nur diese eine verflixte Sekunde im Leben, die alles verändert. Die Sekunde, in der sich Mutter oder Vater nur einmal schnell umdrehen, ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit, in der das Kind mit der Tischdecke die heiße Suppe zu sich herunterzieht, der Säugling mit einem Mal nach der Teetasse greift, das Kleinkind beim Baden versehentlich den Wasserhahn auf Heiß dreht. Mehr als 30.000 Kinder unter 15 Jahren werden jedes Jahr in Deutschland wegen Verbrühungen und Verbrennungen ärztlich versorgt. Es passiert – auch wenn Eltern noch so vorsichtig sind.

Bei Elfi geschah das Unglück vor rund sechs Monaten, zu Hause in Kelmis. Mutter Birte bereitete in der Küche das Mittagessen vor, während ihr Elfi von einem sogenannten Lernturm, einer Art Hochstuhl, aus zusah. Alles ganz normal, wie schon unzählige Male zuvor. Der Reis kochte auf der Herdplatte vor sich hin. Plötzlich verlor Elfi ihr Gleichgewicht, kippte samt Hochstuhl nach vorne und riss im Sturz den Topf herunter. Das kochend heiße Wasser ergoss sich über Gesicht, Arm und Rücken der Vierjährigen. „Ehe ich überhaupt registrieren konnte, was da gerade passiert war, nahm ich meine Tochter sofort zur Seite, zog ihr die durchnässte Kleidung aus und stellte sie unter die Dusche“, erinnert sich Birte. Sie packte Elfi in ein nasses Handtuch, setzte sie ins Auto und fuhr mit ihr umgehend in die Aachener Uniklinik.

Dreieinhalb Wochen im Krankenhaus

Unmittelbar nach Einlieferung in die Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie der Uniklinik RWTH Aachen versetzten Ärzte das kleine Mädchen in Narkose, um in einer ersten Operation die verbrannte Haut abzubürsten, die Wunden zu säubern und Brandblasen abzutragen. Diese Prozedur ist extrem schmerzhaft und wäre im Wachzustand nicht auszuhalten. Aber nur so können die Mediziner beurteilen, welche Stellen eventuell von alleine wieder zuwachsen und wo so schwere Verbrennungen vorliegen, dass Haut transplantiert werden muss. Die Diagnose: Verbrennungsgrad 2b. Rund 20 Prozent von Elfis Körperoberfläche sind verbrüht. „Bei diesem Verbrühungsgrad ist nicht nur die Oberhaut, sondern auch Teile der Lederhaut mit betroffen. Es bilden sich Blasen, die zum Teil aufplatzen oder gar zerreißen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Justus P. Beier, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie. Bei Elfi war eine Hauttransplantation am Rücken und Oberarm notwendig.

„Wir sind sehr stolz auf unser kleines Mädchen“: Mutter Birte Hauser mit Elfi beim Besuch in der Uniklinik RWTH Aachen bei Univ.-Prof. Dr. med. Justus Beier.

Die ersten Tage lag die Vierjährige in einem speziellen Zimmer auf der Kinderintensivstation, wo sie nach dem Eingriff optimal überwacht wurde und eine gute Genesung von dem großen Eingriff sichergestellt werden konnte. „Wie eine Mumie, eingewickelt in Verband, lag sie regungslos in ihrem Bett. Ihre Augen waren so stark angeschwollen, dass sie kaum etwas sehen konnte. Mein Mann und ich hatten furchtbare Angst um sie“, sagt Birte Hauser.

Nach dem ersten Schock über das Unglück kam für Birte Hauser schnell der zweite – als sie begriff, welch beschwerlicher Weg vor ihnen liegt. Drei Operationen und unzählige Verbandswechsel machten die Behandlung ebenso langwierig wie schmerzhaft. „Vor allem aber die notwendige Hauttransplantation setzte meiner Tochter zu“, reflektiert die Mutter.

Der kleinen Elfi entnahmen Ärzte eine dünne Schicht Haut an der Rückseite ihres Oberschenkels und verpflanzten sie auf die Wunden ihres Rückens und Oberarms. Die transplantierten Stellen verheilten nach und nach. Und auch dort, wo der Chirurg die Haut abgetragen hat, verheilt die Wunde wieder.

Nicht nur die Operationen verliefen unter Vollnarkose, auch für den regelmäßigen Wechsel der Wundverbände wurde die kleine Patientin mit starken Schmerzmitteln betäubt. „Dennoch waren die Verbandswechsel das Schmerzhafteste für Elfi. Ihre Angst vor dem Verbandswechsel nahm täglich zu und sie ließ sich von Ärzten und Pflegepersonal nur noch nach langem Zureden anfassen“, erinnert sich Birte Hauser.

Nach der Hauttransplantation musste Elfi noch rund zweieinhalb Wochen in der Uniklinik bleiben. Damit die Haut gut anwachsen kann, müssen transplantierte Stellen am Anfang ruhig gelagert werden.

Mindestens ein Jahr lang müssen brandverletzte Kinder einen Kompressionsanzug tragen, um eine beulige Narbenbildung nach der Verbrühung zu vermeiden.

Intensive Nachsorge mit Kompressionstherapie

Der Heilungsprozess ist noch längst nicht abgeschlossen: Damit sich keine dicken, dunklen Narben bilden, trägt Elfi einen Kompressionsanzug, der eng am Körper anliegt. Der Anzug reduziert zudem den Juckreiz und schützt vor UV-Strahlung. Die Vierjährige trägt den Kompressionsanzug 23 Stunden am Tag – ein Jahr lang. Nur zweimal am Tag wird die Jacke ausgezogen, um sich zu waschen und die Wunden einzucremen. „Elfi akzeptiert ihren Kompressionsanzug, zieht ihn auch selber an und aus, doch die Narben jucken noch oft“, erzählt ihre Mutter.

Sechs Monate ist der Unfall nun her. Sie sprechen zu Hause sehr viel über das Geschehene. „Wir sind sehr stolz auf unser kleines Mädchen. Sie war so unglaublich tapfer, hat sich nicht klein gemacht, sondern für sich gekämpft. Das Schönste ist zu sehen, wie viel Lebensmut und Energie in ihr stecken“, sagt Birte Hauser hoffnungsfroh.


Projekt „UV-Schutzkleidung für brandverletzte Kinder“

Um Kinder wie Elfi auch über die medizinische Behandlung hinaus zu unterstützen, hatte die Stiftung Universitätsmedizin Aachen zusammen mit Prof. Beier das Projekt „UV-Schutzkleidung für brandverletzte Kinder“ ins Leben gerufen. „Kinder müssen die verbrannten Areale mehrere Monate vor Chlorwasser und UV-Strahlung schützen. Insbesondere der UV-Schutz bringt für sie – gerade im Sommer – Einbußen hinsichtlich der Lebensqualität mit sich. Sie können nicht unbeschwert draußen spielen, sondern benötigen eine spezielle Schutzkleidung. Allerdings übernehmen die Kranken­kassen die Kosten nicht und viele Familien können sich diese Bekleidung nicht leisten“, erklärt Prof. Beier. Dank der Unterstützung von Spendern konnte die Stiftung in diesem Jahr 12.500 Euro an das Projekt „Brandverletzte Kinder“ ausschütten, um Familien mit solchen Schicksalen zu helfen.

Weitere Projekte finden Sie unter www.stiftung-um-aachen.de.