Forschen für die optimale Krebsbehandlung

Spender ermöglichen umfassendere Forschung zum Blutkrebs

Weltweit gibt es schätzungsweise bis zu 8.000 Seltene Erkrankungen. Zu dieser Gruppe zählen auch die Myeloproliferativen Neoplasien, kurz MPN. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe chronischer bösartiger Erkrankungen des Knochenmarks, bei denen zu viele rote oder weiße Blutkörperchen oder -plättchen gebildet werden. Zu den MPN im engere Sinne gehören die Chronische myeloische Leukämie (CML), die Polyzythämia vera (PV), die Essentielle Thromobozythämie (ET) und die Myelofibrose (MF). Ein wichtiger Baustein zur Erforschung der zugrunde liegenden Krankheitsprozesse und möglicher zukünftiger Therapiemöglichkeiten stellt das sogenannte MPN-Bioregister dar – eine Datenbank, in der klinische Daten und Biomaterial von Patienten krankheitsspezifisch gemeinsam erfasst werden.

apropos im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. med. Tim H. Brümmendorf, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation an der Uniklinik RWTH Aachen, und Univ.-Prof. Dr. med. Steffen Koschmieder, Oberarzt und Leiter des Bioregisters und Referenzlabors in Aachen sowie des Lehr- und Forschungsgebiets „Translationale Hämatologie und Onkologie“.

Univ.-Prof. Dr. med. Tim H. Brümmendorf, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation an der Uniklinik RWTH Aachen

Herr Prof. Brümmendorf, zunächst zum Verständnis: Was sind Myeloproliferative Neoplasien und warum sind sie für die Forschung so wichtig?

Prof. Brümmendorf: Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Gruppe bösartiger Erkrankungen des Knochenmarks. Diese sind chronisch, können quälende Beschwerden und Komplikationen wie Thrombosen, Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen und in eine akute Leukämie übergehen. Sie lassen sich derzeit nur durch eine Stammzelltransplantation heilen. Diese Erkrankungen stellen aus einer Reihe von Gründen onkologische Modellerkrankungen dar, sodass neue Erkenntnisse über die Entstehung und das Fortschreiten der MPN neben diesen Erkrankungen selber auch anderen bösartigen Erkrankungen zu großen diagnostischen und therapeutischen Fortschritten verhelfen könnten. Wichtige Errungenschaften im Bereich der molekular zielgerichteten Therapie und der personalisierten Medizin auch von soliden Tumoren verdanken wir bereits jetzt der Forschung an MPN. An ihnen können wir in besonderer Weise lernen, wo die Schwachpunkte für die Entstehung und die im Verlauf der Erkrankung fortgesetzte Entartung von Krebszellen zu finden sind und wie sich daraus maßgeschneiderte Behandlungsstrategien für unsere Patienten entwickeln lassen.

Herr Prof. Koschmieder, Sie leiten zusammen mit Ihren Kollegen in Ulm das Deutsche MPN-Register. Wofür braucht es überhaupt ein Bioregister?

Prof. Koschmieder: Das Register ist ein zentraler Baustein für die MPN-Forschung und die gesamte Tumorforschung. Es fußt auf einer Datenbank, in der klinische Daten und Biomaterial von Patienten systematisch, detailliert und zentral erfasst werden. Der Aufbau und die nachhaltige Pflege eines solchen Bioregisters stellen hohe Anforderungen, dafür braucht es gut ausgebildetes und ausreichend Personal. Aktuell sind im Register schon mehr als 3.100 Patienten eingeschlossen. Zu den Aufgaben zählt die Basisdokumentation, ein jährliches Follow-up inklusive Biobanking von Blut- und Knochenmarkproben sowie Hautbiopsien. Mittels des Bioregisters lassen sich Informationen zusammenführen, die wichtige Erkenntnisse über die Entstehung der Erkrankung liefern und es ermöglichen, die Diagnostik und Behandlung der Patienten mit MPN zu verbessern und individuell zuzuschneiden.

Univ.-Prof. Dr. med. Steffen Koschmieder, Leiter des Bioregisters und Referenzlabors in Aachen sowie des Lehr- und Forschungsgebiets „Translationale Hämatologie und Onkologie“ an der Uniklinik RWTH Aachen

Das Bioregister ist also sowohl Daten- als auch Probenbank?

Prof. Koschmieder: Exakt. Das Bioregister muss man sich wie eine Art kombinierte Daten- und Gewebe­bank vorstellen. Es trägt Informationen wie Genetik, Symptome und Krankheitsverläufe von MPN-Patienten zusammen, um diese für verschiedene klinische Fragestellungen auswertbar und für die zukünftige Behandlung nutzbar zu machen. Die gesammelten Informationen liefern den Krebsexperten wichtige Erkenntnisse über die Entstehung, Diagnose und Therapie der Erkrankung. So können wir Therapien optimieren und individuell zuschneiden. Das ist für einen Teil der MPN bereits Alltag und für die anderen MPN-Subtypen ein wichtiger Schritt in Richtung personalisierte Krebsmedizin. Ein wichtiger Bestandteil des Registers ist die integrierte Biomaterialbank: Blut und/oder Knochenmarkproben werden in der zentralen Biomaterial­bank der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen gelagert und sind auf Antrag verfügbar. Somit können neue biologische Erkenntnisse rasch auf ihre Bedeutung überprüft und, nach entsprechender Begutachtung, in die Diagnostik integriert werden. Die zweite wichtige Komponente ist das sogenannte „Next-Generation Sequencing“ an der Uniklinik RWTH Aachen. Bei dem NGS-Verfahren handelt es sich um ein modernes Sequenzierverfahren, das die massive Parallelsequenzierung zahlreicher Gene ermöglicht und somit die genetische Diagnostik in den letzten Jahren revolutioniert hat. Darüber hinaus können die Bioproben für wissenschaftliche Projekte genutzt werden. Das ist ein wesentlicher Vorteil im Vergleich zu herkömmlichen klinisch-epidemiologischen Krebs­registern.

Herr Prof. Brümmendorf, mit den modernen Methoden der Molekular- und Zellbiologie können Tumorerkrankungen also immer besser verstanden und in der Folge zielgerichtet behandelt werden. Kommt das nur den Aachenern zugute?

Prof. Brümmendorf: Das ist ein wichtiger Punkt. Nein, das MPN-­Register greift deutschlandweit. Die Fortschritte in der onkologischen Forschung sind enorm: Das Wissen um die Entstehung von Tumoren wächst rasant und es gibt heute sehr viel mehr Therapieoptionen als noch vor zehn Jahren. Die Therapien werden immer individueller, da sich aufgrund neuer diagnostischer, insbesondere molekulargenetischer Methoden auch die häufigen Krebserkrankungen in immer kleinere Subtypen unterteilen lassen, die teilweise sehr unterschiedlich behandelt werden können. Krebsforschung und -behandlung wird also immer komplexer und gleichzeitig spezialisierter. Einzelne können das nicht mehr effektiv und in höchster Qualität leisten, weswegen sich auch die Hochschulmedizin standortübergreifend vernetzt und voneinander lernen muss. Konsequenterweise haben die universitären Krebszentren aus Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf erst kürzlich ihre Anstrengungen gebündelt, um unter dem Namen „Centrum für Integrierte Onkologie – CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf“ gemeinsam die Krebsmedizin für rund elf Millionen Menschen in ihrem Einzugsbereich deutlich wirksamer gestalten zu können. Aus Aachen wollen wir unter anderem mit einer neu durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Klinischen Forschungsgruppe namens KFO344, die sich ganz speziell mit der Erforschung der MPN beschäftigt, beispielhaft zu dieser Entwicklung beitragen.


Projekt „Bioregister der Deutschen Studiengruppe für MPN (GSG-MPN)“

Das MPN-Bioregister stellt einen Meilenstein auf dem Weg zur zielgerichteten Krebstherapie dar. 50.000 Euro konnte die Stiftung Universitätsmedizin Aachen dank der Unterstützung ihrer Förderer im vergangenen Jahr für das Projekt MPN-Bioregister sammeln. Die Spende wurde Anfang 2019 durch den Stiftungsvorstand übergeben.

Weitere Projekte finden Sie unter www.stiftung-um-aachen.de.