Wieder sprechen lernen

Plötzlich ist alles anders: Nach einem Schlaganfall verliert jeder Dritte seine Sprachfähigkeit, leidet unter einer sogenannten Aphasie. Was bedeutet es, als Erwachsener noch einmal sprechen zu lernen? Eine Patientin gibt Einblicke in ihren mühsamen Kampf, die Worte wiederzufinden.

Aphasie-Patientin Manuela Pauls: „Die Kreativgruppe ist sehr schön. Besonders das Zeichnen von tollen Erinnerungen macht Spaß.“

Ein kleiner Raum in der achten Etage der Aachener Uniklinik. Hier sitzt vor einem Klavier eine blonde junge Frau, versunken in ein Liedermäppchen, und singt „Über den Wolken“. Auf den ersten Blick ist Manuela Pauls eine fröhliche Erscheinung, sie lacht viel. Auf den zweiten Blick aber zeigt sich: Die 37-Jährige hat noch immer mit den Folgen eines schweren Schlaganfalls vor zweieinhalb Jahren zu kämpfen. Das hier ist keine normale Gesangsstunde, es ist Musiktherapie.

Manuela Pauls singt nicht ganz klar, ihre Aussprache ist teilweise verwaschen. Oft fehlen ihr Wörter, insbesondere die schwierigen. Das Liedermäppchen hält sie mit links, weil die rechte Körperhälfte nicht so funktioniert, wie sie sollte. Lähmungen und Sprachstörungen gehören zu den häufigsten Folgen von Schlaganfällen – der Weg zurück in das „normale“ Leben vor dem Schlaganfall ist oft langwierig und anstrengend. Doch: Manuela Pauls kann sich verständigen, sich unterhalten. Das sei direkt nach ihrem Schlaganfall nicht so gewesen, berichtet sie. Verschiedene Therapien helfen ihr dabei, Stück für Stück Normalität zurückzugewinnen.

Den Emotionen auch ohne Sprache Ausdruck und Gehör verschaffen: Der Nutzen von Musiktherapie ist seit den 1950er Jahren wissenschaftlich anerkannt.

Mühselige Kleinarbeit

Jedes Jahr gibt es in Deutschland rund 270.000 Schlaganfälle. Jeder dritte Betroffene leidet danach an einer Aphasie. Auf der Aphasiestation der Uniklinik RWTH Aachen steht das Wiedererlernen der Sprache im Fokus, denn oft können sich Schlaganfallpatienten nur noch wenig oder gar nicht äußern. Neben dem Finden von Wörtern sind auch häufig der Satzbau, das Lesen und Schreiben sowie das Verstehen von Sprache beeinträchtigt. In mühseliger Kleinarbeit müssen sie selbst die einfachsten Dinge neu lernen. „Der Alltag mit einer Sprachstörung, oder ganz ohne Sprache, ist schwierig“, weiß Priv.-Doz. Dr. med. Cornelius Werner, Oberarzt der Aachener Aphasiestation. „Und auch die Therapie ist für die Patienten anstrengend und nicht selten frustrierend, weil sie nicht können, wie sie möchten.“

Doch die Aphasietherapie hilft. Die Klinik für Neurologie setzt mit ihrer Aphasiestation auf ein breites Therapiekonzept. Neben der medizinischen Versorgung steht die logopädische Intensivtherapie im Vordergrund, aber auch kommunikativ-pragmatische Förderungen, zum Beispiel Kunst- und Musiktherapie, sind wichtige Bestandteile. Ebenfalls angeboten werden neuropsychologische und physiotherapeutische Behandlungen. „Gerade die kreativen Therapiebestandteile wie die Kunst- oder Musiktherapie geben den Betroffenen einen Kanal, durch den sie ihren Emotionen auch ohne Sprache Ausdruck und Gehör verschaffen können – oft zum ersten Mal“, so Dr. Werner.

Über die Aachener Aphasiestation
Die Aachener Aphasiestation ist seit mehr als 30 Jahren auf Aphasien aller Schweregrade spezialisiert, vor allem die durch Schlaganfall und Schädel-Hirn-Trauma hervorgerufenen. Mittels hochintensiver neurolinguistischer Therapie werden hier Patienten mit akuter, aber auch chronischer Sprachstörung erfolgreich behandelt. Untersuchungs- und Behandlungsschwerpunkte betreffen insbesondere die aphasischen Kommunikationsstörungen. Weiterhin werden auch häufig daneben bestehende Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, der Raum- und Zahlenverarbeitung sowie Störungen des Gedächtnisses untersucht und bei der Sprach­therapie berücksichtigt.

Kommunikation ist mehr als Sprechen

Manuela Pauls ist sehr angetan von dem Therapieangebot. In der Musiktherapie darf sie sich in den Einzelsitzungen die Lieder aussuchen, singt so gut es geht mit. Dabei sucht sie sich nicht nur die einfachen Songs aus, auch vor „Mein kleiner grüner Kaktus“ und englischen Liedern schreckt die 37-Jährige nicht zurück, singt gemeinsam mit der Therapeutin. Daneben bringt ihr die Kunsttherapie am meisten Spaß. Sie gibt dem Einzelnen die Gelegenheit, sich durch die Freude beim gestalterischen Tun zu entlasten. Mithilfe bildnerischer Medien können Patienten Möglichkeiten der Verständigung untereinander und alternative Ausdrucksformen finden.

„In der kunsttherapeutischen Gruppe geht es weniger darum, ästhetisch ansprechende Produkte zu schaffen, als vielmehr den gestalterischen Prozess zu genießen und den bildnerischen Ausdruck als Möglichkeit, mit sich selbst und anderen zu kommunizieren, zu begreifen“, erklärt der Krea­tivtherapeut Masoud Khamoshkoo. „Menschen mit Aphasie können hierdurch komplexe Botschaften vermitteln, was ihnen verbal oft sehr schwer fällt.“ Im Rahmen der Therapie werden nicht selten Bilder erstellt, die eine Auseinandersetzung mit dem krisenhaften Ereignis zeigen. Es lassen sich Bewältigungsmöglichkeiten in den Bildern entdecken, die den Patienten behutsam in seiner Entwicklung fördern können. Es können aber auch einfach fröhliche Momente sein, etwa wenn der Therapeut dazu auffordert, die Erinnerung an den letzten Urlaub zu zeichnen. Bei Manuela Pauls war dies ein Strand mit spielenden Kindern und einer lachenden Sonne – ein schönes Bild.


Spenden für Aphasie-Patienten!

Spendenprojekt „Aphasietherapie“

Die Aphasiestation der Uniklinik RWTH Aachen hilft pro Jahr rund 90 oft schwer betroffenen Patienten aus der gesamten Bundesrepublik dabei, ihre Worte wiederzufinden. Für Aphasiker stellen die unterstützte sowie die nichtverbale Kommunikation wertvolle Kommunikationskanäle dar. Hier knüpft das Stiftungsprojekt „Multimodale Aphasietherapie“ der Stiftung Universitätsmedizin Aachen an. Materialien wie Leinwände, Pinsel, Stifte und Farben für die Kreativ­therapie sowie Tablets für die unterstützte Kommunikation können den Patienten eine erhebliche Verbesserung ihrer Verständigung bringen. Am Ende der Projektlaufzeit soll eine Vernissage mit den schönsten Werken der Aphasiker stattfinden.

Die Aphasiestation benötigt vier Tablets inklusive Zeichenstift und Schutzhüllen (je 520 Euro) sowie Leinwände, Pinsel, Farben etc. für etwa 160 bis 200 Patienten (circa 2.000 Euro). Die Anschaffungskosten belaufen sich insgesamt auf rund 4.000 Euro.

Die Spenden sind wichtig, da die regulär zur Verfügung stehenden Mittel für die Aphasietherapie trotz ihrer erwiesenen Vorteile leider begrenzt sind. Bei guter Akzeptanz soll das Angebot künftig aus eigenen Mitteln der Klinik verstetigt werden.

Spenden Sie für Aphasie-Patienten unter dem Stichwort „Aphasietherapie“. Nutzen Sie hierfür ganz einfach das Online-Spendenformular auf www.stiftung-um-aachen.de oder überweisen Sie auf das Spendenkonto der Stiftung Universitätsmedizin Aachen:

Stiftung Universitätsmedizin Aachen
Sparkasse Aachen
IBAN: DE88 3905 0000 1072 4490 42
BIC: AACSDE33XXX

Für jede Spende erhalten Sie eine Zuwendungsbestätigung für Ihre Steuererklärung. Damit Ihnen diese zugeschickt werden kann, geben Sie bitte bei Ihrer Überweisung beim Verwendungszweck Ihre Adresse an.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!