Alarm im Darm: Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Appetit? Lust auf ein gemeinsames Essen mit Freunden? Ein Dinner im Restaurant? „Bloß nicht“, denken rund 33 Prozent der Bewohner von Industrieländern, denn sie wüssten gerne die heimische Toilette in ihrer Nähe. apropos klärt über ein Phänomen auf, das in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat: Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

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Ein leckeres Glas Wein zum Ausklang des Abends, eine Tasse Milch mit Honig zum Einschlafen, ein Weizenbrötchen zum Frühstück – eine Fülle an Lebensmitteln kann allerlei Beschwerden wie Bauchscherzen, Durchfall oder Hautprobleme verursachen. Dahinter kann, muss aber nicht zwingend eine Nahrungsmittelunverträglichkeit stecken. Viele haben einen Verdacht, gehen aber nie zum Arzt. Bei anderen ziehen bis zur richtigen Diagnose Jahre ins Land. Ob mit oder ohne professionellen Rat – manche Patienten kasteien sich regelrecht und riskieren sogar einen Nährstoffmangel.

Echte Lebensmittelallergien sind selten

Der Begriff „Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ umfasst alle Erkrankungen, die mit gesundheitlichen Beschwerden durch die Nahrungsaufnahme einhergehen, wobei es sich hauptsächlich um nicht-allergische Nahrungsmittelintoleranzen handelt. Hierbei ist meistens der Darm betroffen. Nur fünf Prozent leiden an den wesentlich riskanteren Nahrungsmittelallergien, die sich auf die Haut auswirken oder eine laufende Nase und Magenbeschwerden verursachen. „Insgesamt steigen die Raten der Unverträglichkeiten“, weiß Univ.-Prof. Dr. med. Christian Trautwein, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechselerkrankungen und Internistische Intensivmedizin (Medizinische Klinik III) an der Uniklinik RWTH Aachen. „Das liegt an der verbesserten Diagnostik im Vergleich zu vor zehn Jahren, an der erhöhten medialen Aufmerksamkeit und veränderten Ernährungsgewohnheiten.“

Was heißt was?

Fruchtzuckerunverträglichkeit (Fruktoseintoleranz)

Fruchtzucker, auch Fruktose genannt, verleiht Obst seine Süße. Der Zucker wird aus dem Darm über ein Transporteiweiß ins Blut geschleust. Der Transporter kann allerdings nur eine begrenzte Menge befördern. „Bei einem Drittel der Deutschen funktioniert die Fruktose-Schleuse nicht oder nur eingeschränkt, darum reagieren sie schon auf kleinere Mengen der Fruchtsüße mit Beschwerden. Blähbauch und Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall sind typische Symptome“, so Prof. Trautwein.

Tipp: Klären Sie mit Ihrem Arzt, ob eine Fruktoseintoleranz vorliegt. Diese wird mittels Atemtest festgestellt. Üblicherweise müssen Sie bei positiver Testung nicht komplett auf Fruktose verzichten. Fruchtzuckerreiche Lebensmittel wie Trockenfrüchte, Obstsäfte, Äpfel, Honig und mit Fruchtzucker angereicherte Fertigprodukte sollten Sie lieber nur in Maßen essen.

Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz)

Milchzucker oder Laktose kommt in der Muttermilch und in Milch von Säugetieren vor. Viel Laktose steckt zum Beispiel in Milch, Quark, Sahne und Frischkäse. Wer nach dem Verzehr unter Darmbeschwerden leidet, hat vermutlich einen Enzymmangel. „Damit der Milchzucker verwertet werden kann, muss er im Darm aufgespalten werden. Dafür ist das Enzym zuständig. Wird zu wenig davon gebildet oder wirkt es nicht ausreichend, kann weniger Laktose abgebaut werden“, erklärt Prof. Trautwein. Der Zucker gelangt auf diese Weise in den Dickdarm und wird dort von Darmbakterien zerlegt. Die dadurch anfallende Gasbildung kann Blähungen, Durchfall und Bauchgrummeln verursachen. Eine Laktoseintoleranz ist übrigens nicht angeboren, sondern wird im Laufe des Lebens erworben.

Tipp: Klären Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie eine Laktoseintoleranz haben. Dafür wird er einen Atemtest machen. Liegt eine Laktoseintoleranz vor, empfiehlt es sich – je nach Ausprägung – ganz auf laktosehaltige Lebensmittel zu verzichten oder den Verzehr einzuschränken. Hungern muss niemand: In den Supermarktregalen stehen zahlreiche laktosefreie Produkte. Alternativ können Betroffene das Enzym Laktase zum Essen einnehmen, wenn in ihrer Speise Laktose vorkommt.

Glutenunverträglichkeit (Zöliakie)

Prof. Trautwein erklärt: „Die Zöliakie ist ein Sonderfall. Sie ist weder eine Allergie noch eine klassische Unverträglichkeit, auch wenn sie so bezeichnet wird“. Gluten verträgt man dann nicht, wenn die Darmschleimhaut durch das Vorhandensein des Klebereiweißes Gluten entzündet ist. Das körpereigene Abwehrsystem sieht Gluten als Feind an und löst eine Immunreaktion in der Darmschleimhaut aus, die mit einer Entzündung einhergeht. Zöliakie führt zu Fettstühlen, Durchfall, Gewichtsverlust und Wassereinlagerungen. Außerdem kann sie Vitaminmangel, Blutarmut, Osteoporose, eine Depression sowie Gelenk- und Hautbeschwerden auslösen.

Tipp: Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie den Verdacht haben, kein Gluten zu vertragen. Steht die Diagnose fest, müssen Sie konsequent auf das Klebereiweiß Gluten verzichten. Es kommt in Getreiden wie Weizen, Dinkel und Roggen vor sowie in sehr vielen verarbeiteten Lebensmitteln. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Glutenfreie Kost ist weit verbreitet. Wer Brot liebt, muss nicht darauf verzichten, sollte aber eine Spezialbäckerei aufsuchen. Diese gibt’s zum Beispiel in Aachen, in Eschweiler und Düren.

Weizen/Gluten-Sensitivität?

Es gibt Menschen, die weder eine Weizenallergie noch Zöliakie haben, aber trotzdem Darmprobleme bekommen, wenn sie Weizen oder andere glutenhaltige Getreide essen. Diese Menschen leiden vermutlich an einer Weizensensitivität, unter anderem auch als „Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizenunverträglichkeit“ bezeichnet.

Tipp: Besteht der Verdacht auf eine Empfindlichkeit gegenüber den pflanzlichen Eiweißen, kann man sich für einige Wochen ATI-arm ernähren (ATI= Amylase-Trypsin-Inhibitoren; pflanzliche Eiweiße). Das bedeutet: „Verzichten Sie einige Wochen auf Weizen und andere aus glutenhaltigen Getreiden hergestellte Lebensmittel“, so Prof. Trautwein. „Aber bitte nicht so strikt, wie Zöliakie-Patienten. Das ist nicht notwendig.“

Histaminunverträglichkeit (Histaminintoleranz)

Histamin gehört wie Serotonin oder Thyramin zu der Gruppe der biogenen Amine. Das sind körpereigene Botenstoffe, die vor allem in Haut, Lunge, Nervenzellen und im Verdauungstrakt vorkommen. Histamin findet sich aber auch in zahlreichen Lebensmitteln wie Alkohol, gereiften Käsesorten, Schimmelpilzkäse, gereiften Wurst- oder Fischwaren sowie Schokolade, Bananen, Tomaten und Erdbeeren. Manche Menschen bauen das aus dieser Nahrung bzw. diesen Getränken stammende Histamin verzögert oder nur unvollständig ab. Mögliche Symptome sind Kopfschmerzen und Migräne, Asthma, Blutdruckabfall und Schwindel, Magen-Darm-Probleme, Herzrasen, Juckreiz oder Hautrötungen.

Tipp: Eine Unverträglichkeit lässt sich aktuell nur schwer nachweisen. Prof. Trautwein rät: „Suchen Sie bei Verdacht einen Allergologen und einen Ernährungsberater auf, um gemeinsam herauszufinden, welche Lebensmittel Probleme bereiten.“

Generell gilt: Hinter Magen-Darm-Beschwerden können sowohl harmlose als auch ernste Ursachen stecken. Nicht immer sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten die Ursache. Wer starke, anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden hat, sollte deshalb unbedingt einen Arzt aufsuchen.