Wenn die Leber müde macht

Es beginnt schleichend: Müdigkeit, Schlafstörungen, Vergesslichkeit, Konzentrationsschwächen oder eine verminderte Reaktionsfähigkeit – diese Beschwerden lassen nicht sofort daran denken, dass es am wichtigsten Entgiftungsorgan unseres Körpers liegen könnte, der Leber.

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Fast alles, was in unserem Körper abgebaut, gespeichert, versorgt, sortiert, gewaschen, geputzt, aufgeräumt, reguliert, entfernt oder hinzugefügt wird, geschieht mithilfe der Leber. Fachmann für diese Erkrankungen ist der Gastroenterologe. Ein Teilgebiet ist die Hepatologie, also die „Lehre von den Leberkrankheiten“. Sie umfasst Erkrankungen der Leber, Gallenblase und Gallen­wege. Univ.-Prof. Dr. med. Christian Trautwein, Leber-Spezialist und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechselerkrankungen und Internistische Intensivmedizin (Medizinische Klinik III) an der Uniklinik RWTH Aachen, im Gespräch mit apropos rund um unser zentrales Stoffwechselorgan.

Herr Prof. Trautwein, warum sind Lebererkrankungen für die betroffenen Patienten tückisch und oft erst spät zu erkennen?

Prof. Trautwein: Ganz einfach: Die Leber enthält selbst keine Nerven, sie tut nicht weh. Nur die Leber­kapsel kann im Extremfall schmerzen, oder das Organ ist bereits derart vergrößert, dass es auf umliegende Strukturen drückt, die dann wiederum wehtun. Typische Begleiterscheinungen von Lebererkrankungen sind Abgeschlagenheit und Leistungsabfall. Deshalb bezeichnen wir Fachleute auch „Müdigkeit als den Schmerz der Leber“. Die gute Botschaft: Die Leber ist sehr widerstandsfähig und kann auch dann noch ihre Aufgaben erfüllen, wenn sie teilweise geschädigt ist. Zudem kann sie Schäden sehr gut reparieren, solange diese nicht zu schwerwiegend sind. Werden Leberschäden jedoch zu spät erkannt, können diese nicht mehr rückgängig gemacht werden, die Leber vernarbt: Wenn etwa zwei Drittel des Leber­gewebes auf diese Weise zerstört sind, versagt sie ihren Dienst.

Univ.-Prof. Dr. med. Christian Trautwein von der Uniklinik RWTH Aachen

Was schadet der Leber – vor allem Alkohol?

Prof. Trautwein: Definitiv, aber nicht nur. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente, eine Hepatitis-Virus­infektion oder eine Fettleber infolge von Diabetes mellitus oder starken Übergewichts können chronische Leberschäden hervorrufen. Selbst vermeintlich harmlose Dinge wie Zucker, weißes Mehl, Schokolade, Kaffee und frittierte Nahrung sind eine konstante Belastung für die Leber und in großen Mengen ein Problem. Regelmäßige Entgiftung, Fasten und fettarme Ernährung können der Leber helfen und ihr Ruhe verschaffen.

Was droht bei einer erkrankten Leber?

Prof. Trautwein: Wichtig ist eine ausführliche, sorgfältige Untersuchung beim Arzt. Denn je nach Art der Lebererkrankung wird sich die Therapie gestalten. Anhand der Leber­werte im Blut kann der Arzt allerdings Probleme des Entgiftungs­organs früh erkennen und, wenn nötig, eine gezielte Behandlung in die Wege leiten. Wichtige Erkrankungen der Leber sind etwa eine Leberentzündung, ein Tumor in der Leber oder – und das ist die häufigste Erkrankung – eine Fettleber. Sie kann gefährliche Folgen haben. Eine Verfettung der Leber entsteht, wenn das Gleichgewicht zwischen der Zufuhr von Fetten und ihrem Abtransport gestört ist. Die Folge: Fette werden gespeichert. Auch bestimmte Zuckerarten werden in freie Fettsäuren umgewandelt und ebenfalls eingelagert. Das Resultat: Die Leber verfettet. Bleibt die Fett­leber lange unerkannt und unbehandelt, verändert sich die Leberstruktur. Es können Entzündungen entstehen und das Gewebe vernarbt.

Man hört bisweilen Menschen sagen, die Leberwerte seien nicht in Ordnung. Was ist damit gemeint?

Prof. Trautwein: Um es nicht zu kompliziert zu machen: Leberwerte geben die Konzentration bestimmter Enzyme im Blut an. Vier Enzyme finden bei einer leberspezifischen Blutuntersuchung besondere Beachtung: GOT, GPT, Gamma-GT und AP – diese unterstützen die Stoffwechselfunktion der Leber. Bei einer Leberschädigung werden diese Enzyme verstärkt freigesetzt, das können wir messen. Erhöhte Leberwerte erlauben deshalb Rückschlüsse auf eine mögliche Lebererkrankung. Aber bitte Vorsicht: Ein Überschreiten der Enzymwerte kann auch völlig harmlos sein. Der Arzt wird das in weiteren Untersuchungen individuell feststellen.

Was raten Sie jemandem, der erhöhte Leberwerte senken möchte?

Prof. Trautwein: Der Hinweis mag nicht populär sein, aber dafür ist er umso wirksamer: Achten Sie auf Ihren Lebenswandel. Verzichten Sie, soweit es möglich ist, auf Alkohol und nehmen Sie täglich nicht mehr als 60 Gramm Fett zu sich. Trinken Sie genügend, denn dadurch tragen Sie dazu bei, dass die Leber entgiftet wird. Medikamente sollten nur nach Absprache mit dem Arzt genommen werden. Auch vermeintlich harmlose Medikamente können, wenn sie zu lange oder zu hochdosiert eingenommen werden, einen Leberschaden hervorrufen. Reduzieren Sie Stress, denn er erhöht den Cortisol-Spiegel. Auch das belastet die Leber.