Mikrobiom: Wunderwaffe im Darm

Durchfall, Blähungen, Verstopfung – die Darmgesundheit trumpft nicht mit den attraktivsten Gesprächsthemen auf. Völlig zu Unrecht! Der Darm mit seinen Billionen von Mikroorganismen, dem Mikrobiom, ist eine regelrechte Wunderwaffe des menschlichen Körpers. Die Ursachen von Gesundheit und Krankheit liegen oft in der Darmflora und wir täten gut daran, sie im Gleichgewicht zu halten.

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„Wenn‘s Arscherl brummt, ist‘s Herzerl g’sund!“ Schon Mozart wusste, dass Verdauung mehr als nur die Verarbeitung von Nahrung ist. Ob dem berühmten Komponisten im 18. Jahrhundert allerdings bereits bekannt war, dass für die Darm­gesundheit Milliarden von Bakterien verantwortlich sind, darf angezweifelt werden. Fest steht aber damals wie heute: Ohne den Darm läuft immunologisch nicht viel – er beeinflusst das gesamte körperliche und seelische Wohlbefinden.

Gute Bakterien, schlechte Bakterien

Billionen von Mikro­organismen (Mikroben) besiedeln unseren Darm, darunter hauptsächlich Bakterien, aber auch Pilze und Viren mit einer großen Diversität. Schätzungsweise gibt es 1.000 verschiedene Arten von Darmbakterien. Sie siedeln im Inhalt und in den Wänden des Darms – entsprechend viel Fläche gibt es, der Darm ist zwischen fünf bis sieben Meter lang! Im Darm sind vermutlich sogar mehr Bakterien vorhanden, als der Körper Zellen hat. Dabei machen manche Mikroorganismen krank, andere sind für die Gesundheit wichtig. Die Gesamtheit dieser Lebensgemeinschaft wird als Mikrobiom oder Darmflora bezeichnet. Sie entscheidet in hohem Maße über Gesundheit und Krankheit.

„Ist die Darmflora gestört, kann das Auswirkungen auf die Gesundheit haben“, weiß Univ.-Prof. Dr. med. Christian Trautwein, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechselerkrankungen und Internistische Intensivmedizin (Medizinische Klinik III) an der Uniklinik RWTH Aachen. „Damit der Mensch gesund bleibt, muss das Gleichgewicht im Mikrobiom stimmen.“

Keine Darmflora ist gleich
Jeder Mensch besitzt eine ganz individuelle Lebensgemeinschaft von Darmmikroben. Primär erben wir unser Mikrobiom von den Eltern; bei der natürlichen Geburt kommt das Kind im Geburts­kanal mit der natürlichen Mikrobiota der Mutter in Kontakt. Im weiteren Leben spielen Umwelteinflüsse und die Umgebung, in der wir leben, eine Rolle. Größtenteils wird die Darmflora allerdings durch unsere Ernährung geprägt. Würden sich zwei Menschen einen Monat lang komplett identisch ernähren, würden sie eine ähnliche Darmflora aufweisen. Vollkommen identisch wird sie allerdings nicht sein – das Mikrobiom ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck.

In Sachen Darmbewohner sind also sowohl die „guten“ als auch die „schlechten“ Bakterien wichtig. Sie alle sind winzige Helfer in diesem Mikro­kosmos. Dabei kommt es vor allem auf den richtigen Mix an. Und sie verraten viel über seinen Besitzer: „Anhand des Darmmikrobioms lässt sich abschätzen, ob der Mensch an bestimmten Erkrankungen leidet, ob es sich um einen übergewichtigen oder einen schlanken Menschen handelt, oder ob er sich von tierischen Lebensmitteln oder nur rein pflanzlich ernährt“, so der Experte.

Mehr als nur Verdauung

Die Darmflora erfüllt zahlreiche bedeutsame Funktionen im menschlichen Körper: Sie ist wichtig für die Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen, die Abwehr von Keimen und Giften und die Stärkung des Immunsystems. Sie ist aber auch anfällig für Störungen und wird mit vielen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

„Unser Lebensstil und unsere Ernährung haben einen entscheidenden Einfluss auf unser Mikrobiom“, erklärt Prof. Trautwein. Auch Kinder, Haustiere, Sport und Job spiegeln sich in der Zusammensetzung des Mikrobioms wider, genau wie die individuelle Umgebung, Gene und Medikamente eine Rolle spielen, vor allem Antibiotika. Jede einzelne Komponente kann Auswirkungen auf unsere Darmflora haben und das Gleichgewicht beeinflussen. „Wer sich beispielsweise auf Dauer nicht ausgewogen ernährt, verringert die Diversität der Darmflora. Und eine Therapie mit Antibiotika zerstört leider auch einen Großteil der nützlichen Bakterien im Darm“, berichtet Prof. Trautwein. So nützlich Antibiotika bei Erkrankungen auch sein können, sind sie doch mit Bedacht zu verwenden – eine falsche Anwendung kann Resistenzen fördern.

Ist die Zusammensetzung des Darmmikrobioms gestört, schadet uns das. Auch sogenannte Pathobioten, das sind Darmkeime mit krankmachenden Eigenschaften, können uns gefährlich werden. Das für uns sonst sehr nützliche Mikrobiom kann dann entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, aber auch Krebs begünstigen.

Über die Darmgesundheit hinaus

Das Darmmikrobiom steht aber nicht nur in Zusammenhang mit Erkrankungen des Darms. Wissen­schaftler sind sich sicher, dass schlechte Ernährung, Übergewicht und Darmprobleme direkte Auswirkungen auf den gesamten Körper haben. Der Gastroenterologe Prof. Trautwein sagt: „Veränderungen der Darmflora haben einen unmittelbaren Einfluss auf andere Organe. Insbesondere die Leber steht hier im Fokus, deren Interaktion mit dem Mikrobiom wir in Aachen besonders erforschen.“ Des Weiteren betrifft es Tumor­erkrankungen und die Verkalkung von Blutgefäßen bis hin zum Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch Diabetes oder Demenz wurden schon mit einem gestörten Mikrobiom in Verbindung gebracht. Für gesich­erte Erkenntnisse sind aber weitere Studien notwendig.

Die Darmmikroben zu analysieren ist allerdings gar nicht so einfach. Viele Bakterien leben nur unter Luftausschluss und lassen sich nicht kultivieren. Im Labor lassen sich die natürliche Beschaffenheit und die Umgebung des Darms nur schwer nachbilden – eine echte Herausforderung für die Wissenschaft.

Das Apfel-Mikrobiom
114 Millionen Bakterien: So viele Bakterien nehmen wir auf, wenn wir einen Apfel essen. Allerdings nur, wenn wir ihn komplett essen. Ohne Kerngehäuse enthalten Äpfel nur noch rund zehn Millionen Bakterien. Das haben Forscher aus Graz 2019 herausgefunden. Die meisten Bakterien befinden sich im Fruchtfleisch und in den Samen, die Schale ist hingegen weniger besiedelt. (© rawpixel.com – Freepik)

Du bist, was du isst!

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, sollten wir vorsorgen. Denn genau wie unser Lebensstil Störungen in der Darmflora herbeiführen kann, können wir das Darmmikrobiom auch positiv beeinflussen. Prof. Trautwein weiß: „Der Schlüssel für eine gesunde Darmflora ist eine präventive Ernährung.“ Die vorherrschende Ernährungsweise in Industrienationen sieht der Experte kritisch: „Leider ernährt sich ein Großteil der Menschen ziemlich einseitig, mit zu vielen Zusatzstoffen, zu viel Fett und Zucker. Durch solch eine Fehlernährung verarmt langfristig unsere Darmflora.“

Das Gegenmittel lautet Vielfalt. Auf dem Speiseplan sollten regelmäßig ballaststoffreiche Lebensmittel stehen, etwa Möhren oder Kohl, Äpfel oder Beeren, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte oder Nüsse und Samen. Eine gute, ausgewogene Ernährung ermöglicht es „guten“ Bakterien, sich anzusiedeln und zu vermehren. Das erhält und fördert eine optimale Mikrobiota.

In manchen Situationen kann allerdings ballaststoffarme „Schonkost“ angesagt sein – und zwar wenn der Darm gerade überfordert ist. Bei einem akuten Magen-Darm-Infekt greift man beispielsweise besser zu Zwieback und Banane, das regt die Verdauung nicht so sehr an.

Doch grundsätzlich gilt: Wer seinem Darm und damit seinem Körper etwas Gutes tun möchte, ernährt sich bewusst. Denn Gesundheit und Prävention beginnen in den Verdauungsorganen.


Der Mensch und seine mikrobiellen Mitbewohner sind Gegenstand der Forschung am Institut für Medizinische Mikrobiologie der Uniklinik RWTH Aachen. Erfahren Sie mehr auf dem Forschungsblog www.ac-forscht.de.