Ein neues, leichtes Leben

Die Magenbypass-OP ist keine Garantie für eine gesunde Zukunft. Doch sie kann das Leben um 180 Grad wenden. Nicole Malinowski weiß das. Vor eineinhalb Jahren entschied sich die 49-Jährige für den Eingriff und genießt heute ein völlig neues Körpergefühl.

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Sauerkraut, „FdH“, Weight Watchers oder Metabolic: Im Markt der Diäten kennt sich Nicole Malinowski bestens aus. Viele davon hat sie in den letzten 30 Jahren ausprobiert, stets ein paar Kilo verloren, aber dank Jojo-Effekt auch wieder zugelegt. Statt weniger bringt sie nach und nach mehr auf die Waage, fällt stets in die alten Muster zurück. Langfristig schlank wird nur das Portemonnaie.

Mit 40 „knackt“ sie die 100-Kilo-­Marke. Sieben Jahre später erreicht sie mit 140 Kilogramm ihr Höchst­gewicht. Die Gelenke schmerzen, die Leberwerte stimmen nicht mehr. Sich so zu akzeptieren, fällt ihr von Tag zu Tag schwerer. „Ich habe mir eingeredet: ‚Dir geht es gut. Du fühlst dich wohl. Du kannst es eh nicht ändern.‘ Das hat viel Kraft gekostet. Hätte ich das nicht geschafft, wäre ich in eine Depression abgedriftet.“

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Als „moppeliges Kind“ werden Süßigkeiten zu Trostpflästerchen. Mit 20 fängt sie an, sich mit ihrem Körpergewicht zu beschäftigen. Doch die Versuche, dem gängigen Schlankheitsideal näherzukommen, bleiben ohne Erfolg. Die Gelenke leiden, eine Hüfte muss operiert werden. Hilfesuchend richtet sie sich an ihren damaligen Hausarzt. Sein Rat: Nehmen Sie erst einmal ab, dann wird alles besser. „Wenn ich dann gefragt habe, wie ich das denn machen soll, antwortete er: Essen Sie einfach weniger.“

Als Höchstgewicht brachte Nicole Malinowski mal 140 Kilogramm auf die Waage. Heute passt sie fast zweimal in ihre früheren Hosen. (© Privat)

Essen als Belastung

Nicole Malinowski fühlt sich unverstanden und mit ihren Problemen alleine gelassen. Essen wird für sie zu einer riesigen Belastung. „Wenn sich der ganze Tag nur darum dreht, was man nicht essen darf, geht man nach drei Tagen vor lauter Frust in den Supermarkt und packt sich den Einkaufswagen voll.“ Als bei ihr eine Fettleber festgestellt wird, trifft sie auf eine Ärztin der Uniklinik RWTH Aachen, die sie auf die Adipositas-Sprechstunde der Klinik anspricht. „Darauf habe ich sie erst einmal gefragt: Finden Sie mich etwa zu dick? Ich habe das immer mit Humor genommen.“

Das erste Treffen mit Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Hamid Alizai vom Adipositaszentrum der Uniklinik RWTH Aachen bringt die Wende. „Er hat mir erklärt, dass ich ein ernsthaftes Stoffwechselproblem habe und es selbst mit jeder Menge Sport und konsequenter Ernährungsumstellung wahrscheinlich nicht schaffen werde, auf eigene Faust abzunehmen. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Das ist ein Arzt, der mich versteht.“

Schon bald stellt sich heraus, dass es eine dauerhafte Lösung der gesundheitlichen Probleme nur mithilfe einer Magenbypass-OP geben kann. Für Nicole Malinowski ein Gedanke, mit dem sie sich nur langsam anfreundet. „Etwas zerschnibbeln lassen, von dem ich ja dachte, dass es gesund ist: Damit hatte ich erst einmal ein Riesenproblem.“

Super Ernährungsberater

Um sich ein besseres Bild zu machen, besucht sie eine Selbsthilfegruppe. Dort unter den Männern und Frauen, die ihr Schicksal teilen, fühlt sich Nicole Malinowski gut aufgenommen. „Und mir wurde klar: So gesund, wie ich dachte, ist mein Magen gar nicht.“

Sie entscheidet sich schließlich für die Magenbypass-OP und startet mit dem sogenannten „multimodalen Konzept“ (MMK) der Krankenkasse, macht pflichtbewusst zweimal die Woche je 1,5 Stunden Sport, geht zur Ernährungsberatung. „Da hat mir gefallen, dass auch auf das Essen nach der OP eingegangen wurde. Der Rest war für mich ja nichts Neues. Ich glaube, wir Dicken sind alle super Ernährungsberater. Wir wissen genau, wie es geht, können es bei uns selbst aber nicht anwenden.“

Den kommenden Eingriff sieht sie mittlerweile als Krückstock, der ihr hilft, das durchzuziehen, was sie aus eigener Kraft nicht schafft. Nach dem abschließenden psychologischen Gutachten reicht sie ihre Unterlagen samt Motivationsschreiben und Ernährungstagebuch bei der Krankenkasse ein. Acht Wochen später kommt die Zusage. Der Weg zur Magenbypass-OP ist für sie frei.

Neues Leben dank OP

Nach gründlichen Voruntersuchungen geht es für sie am 26. November 2018 in den Operationssaal. „Kurz bevor die Narkose einsetzte, bekam ich es doch noch mit der Angst zu tun. Da war ich froh als sie wirkte.“ Die OP verläuft gut. Zwei Tage später nimmt sie zum ersten Mal wieder etwas Brühe zu sich. „Beim Thema Hunger oder Appetit war plötzlich alles anders. Ich war plötzlich sehr entspannt, was das Thema Essen angeht.“

Vier Tage später kann sie die Uniklinik verlassen. Die nächsten Wochen steht nur pürierte, breiige oder flüssige Nahrung auf dem Programm. Einen Monat später, zum Weihnachtsfest, nimmt sie zum ersten Mal wieder etwas Gemüse zu sich. „Man muss austesten, was man verträgt und was nicht. Das geht nur im Selbstversuch und nicht ohne negative Erfahrungen.“ Heute isst sie drei bis fünf kleine Portionen von circa 300 Gramm und nimmt – kontrolliert durch das Adipositaszentrum – zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe ein, die ihr Körper braucht, aber durch die Nahrung nicht ausreichend bekommt. Heißhunger ist für sie kein Thema mehr. „Ich bereite mich auf meine Mahlzeiten vor und überlege mir, was gut für mich ist. Ich esse mit Genuss und weil ich Lust darauf habe.“

Leichter, auch im Kopf

Mittlerweile hat sie über 60 Kilogramm verloren, ist stolz und fühlt sich pudelwohl. „Mein Leben hat sich völlig verändert. Ich stehe morgens nicht mehr auf und frage mich: Wie schaffe ich es mit meinem Gewicht durch den kommenden Tag?“ Die Gelenkschmerzen sind weg, die Leberwerte wieder im Normbereich. Nicole Malinowski fühlt sich leichter, auch im Kopf, ist entspannter, macht sich weniger Gedanken. Viele alltägliche Kleinigkeiten sind keine Hindernisse mehr. Und: Sie fühlt sich wieder als Frau. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, nur noch durch die Gegend zu stampfen und muss ein Café nicht mehr nach der Stabilität der Stühle aussuchen.“

Ihr Mann und ihr ganzes Umfeld bleiben wichtige Stützen auf ihrem Weg. Vor allem die Eltern sind erleichtert, haben sie sich doch viele Gedanken um die Gesundheit ihrer Tochter gemacht. Nur: Das „hautfarbene Kleid“ ist etwas zu groß geworden. „Klar, ich habe Hautüberschüsse an Armen und Beinen. Ich bin auch nicht mehr in dem Alter, wo alles straff sein muss, doch nach so einem Erfolg werden die Ansprüche an den neuen Körper größer. Aber auch das werde ich noch schaffen.“


Übergewicht oder Adipositas?

Übergewicht fängt bei einem Body-­Mass-Index (BMI) von 25 kg/m² an.

Von Adipositas spricht man, wenn der BMI über 30 kg/m² liegt.

Ab einem BMI von 35 kg/m² liegt eine Adipositas zweiten Grades vor, ab 40 kg/m² eine Adipositas Grad 3.

Hier geht es zum BMI-Rechner.


Mehr erfahren

In der Uniklinik finden regelmäßig Adipositas-­Informationsveranstaltungen statt. Termine finden Sie unter www.adipositas.ukaachen.de.

Lesen Sie hier ein Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Hamid Alizai, Leiter des Adipositaszen­trums an der Uniklinik RWTH Aachen.