Krankhaftes Übergewicht: Wege aus der Adipositas

Über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, fast ein Viertel ist krankhaft übergewichtig. Krankhaftes Übergewicht, auch Adipositas genannt, schränkt nicht nur die Lebensqualität bedeutend ein, sondern kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Hamid Alizai, Leiter des Adipositaszentrums an der Uniklinik RWTH Aachen, klärt im Interview über Therapieoptionen und die Möglichkeiten der Adipositaschirurgie auf.

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Herr Dr. Alizai, ab wann spricht man von Übergewicht, ab wann von Adipositas?
Dr. Alizai: Übergewicht fängt bei einem Body-Mass-Index, kurz BMI, von 25 kg/m2 an. Von Adipositas spricht man, wenn der BMI über 30 kg/m2 liegt. Ab einem BMI von 35 kg/m2 liegt eine Adipositas zweiten Grades vor und ab einem BMI von 40 kg/m2 eine drittgradige Adipositas.

BMI = Körpergewicht in kg : (Körpergröße in m)²

Welche Ursachen hat Adipositas?
Dr. Alizai: Adipositas kann mehrere Ursachen haben. Oft spielen falsche Essgewohnheiten und Bewegungsmangel eine Rolle. Es können aber auch genetische Ursachen vorliegen. Weitere Gründe sind zum Beispiel Hormon- und Stoffwechselerkrankungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente wie Kortison, Antidepressiva, Hormonpräparate oder Antidiabetika.

Zu welchen Folgeerkrankungen kann Adipositas führen?
Dr. Alizai:
Die häufigsten Folgeerkrankungen sind Gelenkbeschwerden, Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen. Auch Fettlebererkrankungen und ein Schlafapnoesyndrom sind möglich. Adipositas ist auch häufig mit Depressionen und anderen psychischen Begleiterkrankungen vergesellschaftet. Wir wissen mittlerweile, dass das Risiko für bestimmte Krebsarten wie Endometrium-, Eierstock- oder Spreiseröhrenkrebs erhöht ist.

Priv.-Doz. Dr. med. Patrick Hamid Alizai ist Leiter des Adipositaszen­trums an der Uniklinik RWTH Aachen.

Ist eine Adipositaserkrankung überhaupt heilbar?
Dr. Alizai:
Eine erstgradige Adipositas kann durch eine dauerhafte Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung in Übergewicht überführt werden. Eine Adipositas zweiten oder dritten Grades lässt sich durch konservative Maßnahmen nur in Ausnahmefällen langfristig in ein Übergewicht überführen. Die Adipositaschirurgie ist definitiv die erfolgversprechendste Möglichkeit, Adipositas zu „heilen“. Beide Therapien, konservative wie auch operative, erfordern allerdings die Bereitschaft zur dauerhaften Lebensstilumstellung.

Wer gehört zum Netzwerk des Adipositaszentrums an der Uniklinik RWTH Aachen?
Dr. Alizai: Das interdisziplinäre Team besteht aus der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie, der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechselerkrankungen und Internistische Intensivmedizin (Medizinische Klinik III) und deren Ernährungs- und Diabetesteam, der Physiotherapie, der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie und der Klinik für Anästhesiologie.

Welche therapeutischen Maßnahmen gehören zur Adipositastherapie?
Dr. Alizai:
Zunächst durchläuft jeder Patient ein multimodales Konzept bestehend aus Ernährungsberatung und Rehasport. Beides bieten wir in der Uniklinik RWTH Aachen kostenfrei an. Es folgen endokrinologische Untersuchungen und eine psychologische Evaluation. Wir empfehlen auch die Teilnahme an Treffen der Selbsthilfegruppe. Nach sechs Monaten überprüfen wir gemeinsam mit dem Patienten, ob diese konservativen Maßnahmen zu einer deutlichen Gewichtsreduktion geführt haben und das multimodale Konzept gegebenenfalls verlängert wird.

Ab wann ist die Adipositas-Operation die beste Wahl?
Dr. Alizai:
Wenn das konservative multimodale Therapiekonzept keine ausreichende Gewichtsreduktion bewirkt hat oder aus medizinischen Gründen nicht durchgeführt werden kann, ist eine Operation ab einem BMI von 40 kg/m2 inzidiert. Liegen Adipositas-assoziierte Begleiterkrankungen wie beispielsweise ein Diabetes mellitus Typ 2 vor, ist eine Operation ab einem BMI von 35 kg/m2 sinnvoll. Kontraindikationen sind schwere, unbehandelte psychische Begleiterkrankungen oder eine Alkoholerkrankung.

Es gibt mehrere operative Verfahren um Gewicht zu reduzieren. Welche ist die beste?
Dr. Alizai:
Die beiden wichtigsten Eingriffen sind der Schlauchmagen und der Magenbypass. Beide Operationen werden minimal-invasiv durchgeführt und haben sich seit Jahrzehnten bewährt. Welches Verfahren das jeweils beste ist, wird individuell entschieden und hängt von Begleiterkrankungen, Essgewohnheiten und dem Ergebnis der Magenspiegelung ab.

Keine OP ohne Risiko. Welche gibt es?
Dr. Alizai:
Zu den möglichen Komplikationen gehören Klammernahtundichtigkeiten, Blutungen, Wundheilungsstörungen und Thrombosen. Die postoperative Komplikationsrate beträgt circa fünf Prozent. Langfristig können Vitamin- und Eisenmangel auftreten, denen mit einer regelmäßigen Nachsorge mit Laborkontrollen begegnet werden muss. Insgesamt ist bei einer morbiden Adipositas das OP-Risiko allerdings deutlich geringer als das Lebenszeitrisiko ohne Operation.

Was passiert nach einer OP? Wann hat der Patient sein Zielgewicht erreicht und wann verbessern sich die Begleiterkrankungen?
Dr. Alizai:
Nach der Operation kommt es in den ersten Monaten zu einem rapiden Gewichtsverlust, das Zielgewicht ist nach circa einem Jahr erreicht. Die Begleiterkrankungen, insbesondere Diabetes mellitus Typ 2 und Schlafapnoe, verbessern sich deutlich oder verschwinden vollständig.

Werden die Kosten automatisch von der Krankenkasse übernommen?
Dr. Alizai:
Die Kosten für Adipositasoperationen werden durch die gesetzlichen Krankenkassen nach Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, kurz MDK übernommen. Wir schreiben ein Gutachten mit der Bitte um Kostenübernahme und helfen gerne bei der Antragstellung. Wenn das multimodale Konzept nicht vollständig durchgeführt wird, können gelegentlich Anträge durch den MDK abgelehnt werden.

Wie sieht die Nachsorge nach der OP aus?
Dr. Alizai:
Im ersten Jahr erfolgt eine engmaschige Nachsorge mit Wundkontrollen, Blutuntersuchungen und Ernährungsberatungen. Im weiteren Verlauf stellen sich die Patienten einmal jährlich zur Kontrolle vor. Diese Nachsorgeuntersuchungen sind für die Patienten wichtig, um Vitaminmangelerscheinungen vorzubeugen beziehungsweise rechtzeitig zu erkennen. Durch die Gewichtsabnahme kann es zu überschüssigen Haut- und Fettgewebsanteilen kommen, die durch Straffungsoperationen beseitigt werden können. Außerdem freue ich mich natürlich, die Patienten im Rahmen der Nachsorge wiederzusehen und auf dem Weg in ihr neues Leben zu begleiten.


Lesetipp

Ein neues, leichtes Leben: Erfahrungen einer Adipositaspatientin


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In der Uniklinik RWTH Aachen finden regelmäßig Adipositas-­Informationsveranstaltungen statt. Termine finden Sie unter www.adipositas.ukaachen.de.