Der entscheidende Anruf

Ulrich Fomferra hat in seinem Leben viel erreicht: Eine Karriere als Leitender Polizeidirektor in Mönchengladbach, ein erwachsener Sohn, eine glückliche Ehe, Freude am Vereinsleben. Im September 2018 dann die Diagnose Leberkrebs und die Befürchtung, dass schon bald alles vorbei sein könnte. Heute lebt der 69-Jährige mit einem neuen Organ und wird dem unbekannten Spender immer dankbar sein.

Ulrich Fomferra genießt sein neu geschenktes Leben nach der Lebertransplantation zusammen mit seiner Frau und West Highland Terrier Julchen.

Das Telefon klingelt am 12. September 2019, frühmorgens um 6:15 Uhr. Am anderen Ende ist nicht – wie zunächst vermutet – die Schwiegermutter, sondern die Uniklinik RWTH Aachen. „Wir haben eine Leber für Sie, die ist bereits unterwegs“, sagt eine Stimme. Für Ulrich Fomferra und seine Frau Heidrun kommt die heiß ersehnte Nachricht überraschend. „Nach den vielen Gesprächen mit der Klinik haben wir nicht mit einer Transplantation vor Anfang oder Mitte 2020 gerechnet.“

Die Tasche mit dem Nötigsten für den Krankenhausaufenthalt ist fertig gepackt. Für Nervosität bleibt keine Zeit. Seine Frau Heidrun fährt die rund 70 Kilometer bis zur Uniklinik. Dafür ist ihr Mann zu unkonzentriert. In Aachen angekommen geht es direkt in Richtung OP. „Zuletzt gab ich meiner Frau den Ehering“, erzählt Ulrich Fomferra. „Mein Glücksbringer-Kettchen hatte sie schon. Dann sah ich nur noch, wie sie mir mit Tränen im Gesicht zuwinkte.“

„Vielleicht hätte man früher gegensteuern können“

Zehn Jahre ist es her, dass Ulrich Fomferra zum ersten Mal ernsthaft um seine Gesundheit bangt. Schwarzer Hautkrebs heißt die damalige Diagnose, ein großer Teil des Rückens ist befallen. Der Tumor wird großflächig entfernt. Seitdem ist er unter regelmäßiger ärztlicher Aufsicht.

Ende 2018 verschlechtern sich seine Blutwerte. Er solle sich keine Sorgen machen, sich besser ernähren und das ein oder andere Bierchen weglassen, heißt es zunächst. Es folgen Wochen der Ungewissheit. Erst dann bringen fachmedizinische Untersuchungen, ein Ultraschall und eine MRT Licht ins Dunkel: Verdacht auf Leberkarzinom. „Vielleicht hätte man schon eher gegensteuern können?“, fragt sich Ulrich Fomferra heute.

Die Organtransplantation ist eine der effizientesten Therapien, um Mitmenschen ein normales Leben zu ermöglichen, die sonst dem Tod geweiht wären.

Kurz vor Heiligabend kommt das Ergebnis der Biopsie: Leberkrebs, mehrere Karzinome, inoperabel. Die Ärzte in Mönchengladbach verweisen den Patienten nach Aachen an die Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechsel­erkrankungen und Internistische Intensivmedizin (Medizinische Klinik III) der Uniklinik RWTH Aachen. „Ich machte mir große Sorgen, doch die ganze Art und Weise von Klinikdirektor Professor Trautwein hat mich beruhigt und mir Vertrauen gegeben“, sagt Ulrich Fomferra. „Der Professor versprach: ‚Wir werden menschlich und medizinisch alles dafür tun, dass Sie wieder gesund werden oder zumindest noch ein paar schöne Jahre haben.‘“

Nach weiteren Untersuchungen setzt das Aachener Ärzteteam um Univ.-Prof. Dr. med. Christian Trautwein und Univ.-Prof. Dr. med. Ulf Peter Neumann auf eine Transarterielle Chemoembolisation (TACE). Dabei wird durch die arterielle Einbringung der Chemotherapeutika in die Leberarterien im Lebergewebe eine bis zu 100-fach höhere Konzentration gegenüber einer „normalen“ Chemo­therapie erreicht, bei weniger stark ausgeprägten Nebenwirkungen. Die Therapie funktioniert, bringt die Karzinome zum Stillstand und verschafft Ulrich Fomferra wertvolle Zeit. „Dennoch war klar, dass ich nur mit einem Spenderorgan wieder gesund werden kann“, erzählt er. Die Chance, auf die Transplantationsliste in Leiden – hier sitzt die Stiftung Eurotransplant, die für die Vergabe zuständig ist – zu kommen, ist aber aufgrund seiner guten Vitalität gering. Erst als sich herausstellt, dass auch die Lebendspende einer Teilleber helfen könnte, schöpft Ulrich Fomferra neue Hoffnung.

Schöne Erinnerung: Ulrich Fomferra als Schützenkönig der St.-Michaels-Bruderschaft mit seiner Frau Heidrun.

„Ich bin meinem Neffen unheimlich dankbar“

Die Nachricht spricht sich im Verwandten- und Bekanntenkreis herum, ohne Erfolg. Ulrich Fomferras Sohn ist sofort einverstanden, kommt aber aus eigenen gesundheitlichen Gründen nicht infrage. Dann meldet sich der 28-jährige Neffe seiner Frau, ein Student aus Nürnberg. „Er sagte: ‚Uli, ich möchte nicht, dass du so früh stirbst und meine Tante so früh Witwe wird. Ich lasse mich untersuchen.‘ Das hat mich sehr berührt. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.“ Doch auch diese Hoffnung platzt, denn auch der junge Mann scheidet als Spender aus. Ulrich Fomferra fällt erneut in ein tiefes Loch. Dann ein neuer Hoffnungsschimmer: Er werde nun doch auf die Transplantationsliste gesetzt. „Doch ich bräuchte Geduld.“ Die hat er, bis zum besagten Anruf.

„Die Zahl der Organspender ist dramatisch gering“

Wie Ulrich Fomferra warten in Deutschland zurzeit rund 1.000 Menschen auf eine Lebertransplantation. Während die Nachfrage kontinuierlich steigt, bleibt die Zahl der für eine Transplantation zur Verfügung stehenden Organe von hirntoten Spendern weit dahinter zurück.

Prof. Neumann beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. In seiner Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen werden jährlich etwa 50 Lebern transplantiert, mit sehr guten Prognosen. „Wenn unsere Patienten die Operation gut überstehen – und das tun die meisten – können sie danach ein völlig normales Leben führen mit Familie, Beruf und allem, was dazugehört. Es ist eins der effizientesten Verfahren, das wir in der Medizin haben.“

Umso wichtiger sei es, immer wieder auf die Argumente für die Organspende aufmerksam zu machen. „Organtransplantationen können Mitmenschen ein normales Leben ermöglichen, die sonst dem Tod geweiht wären – ohne dass man nach meinem Ermessen Schaden daran erleidet“, sagt Prof. Neumann.

„Ich sehe positiv in die Zukunft“

Als Ulrich Fomferra nach der elfstündigen OP aufwacht, stellt er erleichtert fest: Ich lebe noch. Bereits am nächsten Tag macht er erste Bewegungsübungen und läuft über die Station. Die Körperfunktionen machen mit, schnell kann er von der Intensivstation in die chirurgische Abteilung auf die Normalstation verlegt werden. Zwei Wochen nach dem Eingriff geht es zurück nach Hause. „Endlich durfte ich auch meinen geliebten Hund Julchen wiedersehen.“

Heute geht es Ulrich Fomferra gut, obwohl sein Immunsystem noch angeschlagen ist. „Es gibt keinen Raum im Haus, in dem nicht Desinfektionsmittel, Mundschutz und Einweghandschuhe bereitstehen“, sagt er. Auf viele Veranstaltungen verzichtet er, selbst das Schmusen mit Julchen muss warten. Doch es geht aufwärts und einige Tabletten konnten schon reduziert werden. „Dass ich heute positiv in die Zukunft schaue, habe ich zu großen Teilen meiner Frau zu verdanken, die mich großartig unterstützt.“

„Ich bin schon seit über 30 Jahren Organspender“

Wann immer es geht, macht Ulrich Fomferra Werbung für den Organspendeausweis. Er selbst hat seine Einwilligung zur Organentnahme nach dem Tod schon vor 30 Jahren dokumentiert, zu einer Zeit, als es den Ausweis in der heutigen Form noch gar nicht gab. Die Diskussionen um das Transplantationsgesetz verfolgt er mit entsprechender Sorge. Dass Anfang des Jahres die Widerspruchsregelung abgelehnt wurde, bedauert er.

Ulrich Fomferra genießt sein neu geschenktes Leben zusammen mit seiner Frau und West Highland Terrier Julchen, nimmt viele Dinge nicht mehr so ernst und verbringt viel Zeit in der Natur. „Ich mache mir heute mehr Gedanken darüber, was wichtig ist und was nicht. Auch in der Ehe verschwenden wir keine Zeit an Diskussionen über Nichtigkeiten. Wir freuen uns lieber auf die gemeinsame Zukunft.“

Ein großer Wunsch bleibt: Ulrich Fomferra würde sich sehr gerne bei der Familie seines Organspenders bedanken, doch das ist aus datenschutzrechtlichen Gründen schwierig. „Früher gab es Dankesbriefe, die über die DSO übermittelt wurden – das haben neue Datenschutzregeln allerdings erschwert“, sagt Prof. Neumann. „Aber die Spende bleibt in Deutschland unter allen Umständen anonym. Der Empfänger wird niemals erfahren, wessen Leber, Herz oder Lunge in seinem Körper weiterarbeitet.“ Eine Tatsache, mit der sich Ulrich Fomferra abfinden muss. „Ich werde meinem Spender für immer dankbar sein.“