Zu Besuch bei André Collet: „Laufen ist ein Erlebnis mit sich und der Natur“

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen …“, heißt es in einem bekannten Lied. Was für manche Menschen einer mittleren Reisedistanz gleichkommt, ist seine Parade­disziplin: 100 Kilometer – am Stück wohlgemerkt. André Collet, 49, ist national und international erfolgreicher Ultra- und Langstreckenläufer. apropos hat er verraten, wie er trainiert und was ihn am Laufsport so sehr fasziniert.

Ultramarathonläufer André Collet (© Privat)

Herr Collet, seit über zehn Jahren ist Ihr Name im Medaillenspiegel bei Deutschen und Europäischen Meisterschaften eine feste Größe. Wie sind Sie zum Laufen gekommen?
André Collet: Meiner Sportlehrerin aus der 12. Oberschulklasse muss ich dankbar sein. Im Rahmen des Sportunterrichts machten wir einen Laufleistungstest. Das Resultat galt es bis zum Ende des Schuljahres zu verbessern, um so die Sportnote um einen Punkt anzuheben. Da sich meine sonstige Motivation im Rahmen hielt, übte ich mich wenigstens darin und „joggte“ täglich circa fünf Kilometer in ausgelatschten Skaterschuhen. Das machte sich orthopädisch schnell bemerkbar und ich wechselte zum ersten Laufschuh, damals noch für 80 Deutsche Mark! Es war unglaublich, ich war wie ausgewechselt und verbesserte nicht nur, wie man sich denken kann, die Sportnote, sondern mein Leistungsspiegel ging fast durch alle Fächer um zwei Noten nach oben – und das mit Freude. Ich hatte wohl endlich das Puzzleteil gefunden zum Laufen, zum Leben. Diese Leidenschaft geriet dann leider ein wenig in Vergessenheit und ich lief einige Jahre eher sporadisch, fand dann aber wieder zurück zum Laufsport und es vergingen noch circa 16 Jahre bis zum ersten Wettkampf.

Die Erfolgsliste ist lang. Was würden Sie als Ihren größten sportlichen Erfolg bezeichnen?
André Collet: Letzten Endes ist das Hier und Jetzt auch meinem Sport zuzuschreiben und da ich gut lebe, ist dies schon ein großer Erfolg. Es waren so viele besondere und unvergessliche Momente. In einer persönlichen Bestzeit, als Sieger oder wie bei einem Ultralauf „nur“ anzukommen, hat schon etwas Magisches. Doch waren es im Rückblick die eher unerwarteten Erfolge und nicht unbedingt die Siege. Zum Beispiel war mein erster Erfolg in Monschau 2004 der hart umkämpfte zweite Platz. Meine persönliche Bestleistung 2008 beim Frankfurt Marathon war absolut emotional. Ganz speziell war auch ein Sieg beim Monschau Marathon, bei dem ich mich trotz Verletzung nochmal zurückkämpfen konnte und siegte. Die Marathonmeisterschaften mit dem ATG Team Philipp Nawrocki, Stefan Schnorr und mir 2010, 2011 vor allem in Hamburg, waren unvergesslich.

In einer persönlichen Bestzeit, als Sieger oder wie bei einem Ultralauf ‚nur‘ anzukommen, hat schon etwas Magisches.

Der Laufsport und Sie – eine Liebe auf den ersten Blick oder mühsam erarbeitet?
André Collet: Ganz klar die Liebe auf den ersten Blick. Generell machte mir Bewegung schon immer viel Spaß. Ich konnte speziell beim Laufen anderen gegenüber, auch ohne Training, meine Vorteile ausspielen. Doch es ist etwas anderes, sein Talent spielerisch auszuleben als es im leistungsorientierten Training umzusetzen. Schnell findet man seine Meister und es ist dann auch ab und an mühsam, sich nach vorn zu trainieren. Das hohe Leistungslevel ist das Resultat von jahrelangem Training, was immer wieder neue Motivation und Disziplin erfordert. Nicht immer macht es Spaß, aber ohne diese positive Leidenschaft geht es nicht.

Wie sieht eine typische Trainingswoche in Ihren Trainingsplänen aus?
André Collet: Ich habe das Glück, mir meine Pläne selber maßgeschneidert erstellen zu können. Früher hatte ich mir gerne mehrwöchige Pläne erstellt, an die ich mich dann auch strikt gehalten habe. Mittlerweile habe ich zu einem flexibleren Umgang gefunden und versuche, mehr auf äußere Umstände wie Wetter, Trainingsorte, aber auch genauer auf das persönliche Befinden zu reagieren. Aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung kann ich so mein Training optimieren und bin nun in der Lage, auch mit etwas reduziertem Aufwand ein gewisses Level zu halten. Die übliche Trainingswoche zur Vorbereitung, beispielsweise auf einen Marathon, baue ich um ein Gerüst von Tempointervall, Hügel-­Trail und Langlauf auf. Die Kunst ist es, das mit regenerativen Läufen in Einklang zu bringen. So ändert sich die Qualität des Trainings im Verlauf einer Vorbereitung und im Idealfall verkürzt man seine Erholungsphasen und erhöht die Trainingsintensität. Für den Leistungssportler ist es eher herausfordernd, mal einen Gang zurückzuschalten. Hier eine typische Woche: Montag: Wellness, Dienstag: Tempo­intervall, Mittwoch: Regenerativer Lauf, Donnerstag: Fahrtenspiel, also Lauf mit Temposteigerungen, Freitag: Kraft oder Tempolauf, Samstag: Regenerativer Lauf, Sonntag: Langlauf, das heißt zwei Stunden und mehr.

Es gibt Phasen im Rennen, in denen der Kopf nur noch vom ‚Aussteigen‘ besessen ist.

Für die meisten Menschen ist ein Marathon schon eine ziemlich lange Distanz, 100 Kilometer für viele Menschen kaum vorstellbar – Sie laufen das in sechs Stunden und 45 Minuten. Wie hält man das in diesem Tempo durch?
André Collet: Jede Laufdisziplin hat ihre Schwierigkeiten und Herausforderungen. Nun ist die 100-Kilometer-­Distanz, selbst wenn man nicht auf eine Topzeit geht, allein schon der Länge wegen sehr selektiv. Ich habe mich schon sehr früh in meiner Laufzeit auf Marathon konzentriert und somit eine gute Grundlage gehabt. Das Training ist ähnlich, aber die Anforderungen im Rennen unterscheiden sich doch. So ist es fundamental wichtig, von Beginn des Rennens an die optimale Pace, also das richtige Tempo zu finden. Das ist bei jeder Strecke natürlich so, aber auf der Langstrecke wird man für einen kleinen Fehler zu Beginn, sagen wir mal die ersten 30 Kilometer, hinten heraus noch höher bestraft. Die Fähigkeit, über sich hinauszu­gehen und nicht aufzugeben, wird auf dieser Strecke sehr gefordert. Die Tiefen während des Laufes sind zu überbrücken, und man braucht dafür viel Selbstvertrauen. Befinde ich mich im Wettkampf, gibt es keine andere Option mehr als das Ziel zu erreichen, auch wenn es die meiste Zeit sehr schwer ist und es Phasen im Rennen gibt, in denen der Kopf nur noch vom „Aussteigen“ besessen ist. Ohne eine gute Physis wäre das nicht möglich und man braucht hinterher Zeit zur Erholung. Aber es gab auch Rennen, die so intensiv waren, dass nicht nur die Physis, sondern auch die Psyche Erholung brauchte.

© Privat

Haben Sie manchmal auch Momente der Schwäche im Rennen?
André Collet: Meistens sind es die Bestzeiten, die am leichtesten fielen und von denen ich mich auch wieder sehr schnell erholt habe. Man hat halt alles richtig gemacht. Aber wir bewegen uns oft so sehr am Limit, dass „Fehler“ passieren und es oft darum geht, Schadenbegrenzung zu betreiben. Es gibt immer, gerade auf der Langstrecke, Schwächephasen, mit denen man umgehen muss. Erste Maßnahmen sind Temporeduzierung, der Atmung mehr Aufmerksamkeit geben oder eine Modifizierung des Laufstils. Als nächstes die Verpflegung anpassen, was natürlich ein wenig Zeit braucht, bis es wirkt. So kann man die Folgen in Grenzen halten und es ist möglich, wieder ins Renn­geschehen einzugreifen. Hat man einen gewissen Punkt jedoch überschritten, findet man nicht mehr zurück und es wird sehr ungemütlich. Dann ist Ankommen die letzte Option.

Gibt es etwas, dass Sie trainingstechnisch anders machen als andere?
André Collet: Training ist ein sehr komplexes Thema und sehr individuell. Jeder hat da so seine eigene Philoso­phie. Man kann beobachten, dass sich immer mehr Menschen in Sachen Training auf Technik und Logarithmen verlassen. Verlassen ist da meiner Meinung nach schon das richtige Stichwort, da man auf diese Art und Weise seine eigene Intuition ein Stück weit verlässt. In einem gewissen Rahmen kann man die Trainingssoftware sicherlich ergänzend einsetzen, sollte sich aber nicht davon abhängig machen. Laufen ist ein Erlebnis mit sich und der Natur und ich versuche dies auch gerne ohne Ablenkung wahrzunehmen. Grundlegend unterscheidet sich mein Training wohl nicht so sehr von anderen, bis auf ein paar kleine Kniffe vielleicht.

Ich finde es wichtig, die Dinge positiv zu sehen, wodurch einem alles etwas leichter fällt.

Wie lauten Ihre besten Marathontipps für die Vorbereitung, das Rennen und die Regeneration?
André Collet: Eine positive Einstellung zum Laufen und immer Freude am Training haben. Die Ausdauer­läufe einmal in der Woche, zwei Stunden oder mehr im Wohlfühltempo, sind elementar. Regelmäßiges Laufen und nach jeder Belastung auf eine gute Regeneration zu achten. Vielleicht auch mal Alternativtraining, zum Beispiel Stabilitätsübungen, Radfahren oder Schwimmen – Hauptsache aktiv. Vor dem Rennen ist Ruhe ein wichtiger Faktor. Eine gute Unterkunft, mindestens zwei Stunden vorher gut verträgliches Essen, kein Stress, keine Ablenkungen von Facebook oder Ähnlichem. Vor dem Start in sich gehen und konzentrieren. Nach zehn Wochen Training zählt der Countdown runter… – zehn Sekunden. Von Beginn an bei sich bleiben und sein Tempo gehen, sich nicht mitreißen lassen. Den eigenen Rhythmus finden und versuchen, es rollen zu lassen ohne viel nachzudenken, und auf das Training vertrauen. Regeneration beginnt schon auf der Ziellinie. Lockeres Auslaufen – da frohlockt die Trainer­ikone der ATG, Wolfgang Glöde –, möglichst schnell etwas essen und trinken. Ab ins Bett und schlafen, auch wenn die Euphorie noch groß ist. Am Abend den Erfolg genießen, zur Belohnung schön etwas Essen gehen. Am Tag danach eventuell einen lockeren Spaziergang und nach drei bis vier Tagen wieder leichtes Jogging. Der Marathon sitzt tief und braucht Zeit, bis er den Körper verlässt. So wie man sich im Aufbau gesteigert hat, sollte man sich auch hinterher die Zeit zur Erholung geben und nach circa drei bis vier Wochen mit moderatem Training beginnen. Damit kann man erstmal nichts falsch machen, aber die Zahlen ändern sich natürlich mit dem Leistungsniveau.

Sie sind Steinmetz und Bildhauer. Ist diese Arbeit ein idealer Ausgleich für den Laufsport?
André Collet: Ideal ist es nie, aus einer Vollzeitstelle heraus Leistungssport zu betreiben. Mein Beruf ist körperlich schon recht anstrengend und der hohe Energieumsatz wäre besser ins Training investiert. Aber ich denke, dass es aus einer sitzenden Tätigkeit heraus auch nicht einfach ist, nach Feierabend aufs Training umzustellen. Mit dem Laufsport ist generell nur sehr schwer Geld zu verdienen, so muss ich also auch schauen, wo es herkommt. Mit den Jahren habe ich gelernt, eine gute Mitte zu finden, Arbeit und Sport in Einklang zu bringen. Dies tue ich auch sehr gerne und finde es wichtig, die Dinge positiv zu sehen, wodurch einem alles etwas leichter fällt – eine Eigenschaft, die auch im Leistungssport unumgänglich ist. Zudem bietet die Firma ein sehr sportfreundliches Umfeld, da mein Chef und einige Kollegen sportlich sehr aktiv sind. Als Amateursportler hat man zudem den Vorteil, den Sport frei ausüben zu können und sich seine sportlichen Ziele und Wettkämpfe selber zu gestalten.


Zur Person

André Collet, Jahrgang 1971, ist gelernter Steinmetz und Bildhauer und arbeitet in einem Fachbetrieb in Breinig bei Stolberg. Seine große Leidenschaft ist das Laufen, er ist Mitglied im Aachener Turn-Gemeinde 1862 e. V.

Collet ist im 100-Kilometer-Lauf zweifacher Deutscher Meister in der Gesamtwertung (2013, 2016) sowie zweifacher Altersklassen-Weltmeister. Marathon kann er übrigens auch: Den unter Fachleuten als anspruchsvoll bekannten Monschau Marathon hat er achtmal gewonnen.