Ich hab Rücken!

Hexenschuss, Bandscheibenvorfall, chronische Kreuzschmerzen – der Deutschen Rückenschmerzstudie vom Robert Koch-Institut zufolge leiden über 80 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben unter akuten Rückenschmerzen. Vor allem Senioren sind betroffen. Dabei gilt: Kaum ein Organ liegt in ähnlichem Maße im Fokus unterschiedlicher Fachdisziplinen wie die Wirbelsäule. Spezialisierte Zentren ermöglichen eine schnelle Diagnostik und Therapie.

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Sie hält uns aufrecht, trägt einen Großteil unseres Gewichts und ist gleichermaßen stabil und beweglich: Unsere Wirbelsäule ist ein anatomisches Highlight. Trotzdem klagen immer mehr Menschen über Rückenschmerzen. Das kommt nicht von ungefähr, denn wir muten unserem Rücken viel zu: wenig Bewegung, viel Sitzen im Beruf, Übergewicht, Fehlbelastung oder Fehlhaltung – all das kann zu Rückenproblemen führen.

„Dass der Rücken mal zwickt, ist so normal und harmlos wie gelegentliche Kopfschmerzen oder eine kleine Erkältung. Meist verflüchtigen sich die Beschwerden schnell und sind nicht behandlungsbedürftig“, erklärt Prof. Dr. med. Philipp Kobbe, Leiter der Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie innerhalb der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen. Auf Dauer lässt sich der Verschleiß im Alter jedoch nicht verhindern: Bandscheiben büßen Elastizität ein, Bänder leiern aus, Gelenke werden brüchig. Viele spezifische Schmerzen stehen in direktem Zusammenhang mit dem Verschleiß.

OP sollte immer letztes Mittel sein

So komplex wie unsere Wirbelsäule selbst sind auch die Ursachen von Schmerzen in dieser Region. Grundsätzlich unterscheidet man unspezifische und spezifische Rücken­schmerzen. Erstere sind häufiger und rühren meist von den Muskeln, Sehnen oder Bändern her. Sie entstehen, wenn sie beispielsweise durch Verspannungen oder Reizungen in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. Dem gegenüber stehen spezifische Schmerzen, deren organische Ursache sich klar benennen lässt – zum Beispiel Bandscheibenvorfälle, Wirbel­gleiten oder Osteoporose.

Am Beginn der Behandlung sollte stets die entscheidende Frage stehen, wie ein operativer Eingriff vermieden werden kann. Die Uniklinik RWTH Aachen ist daher auch Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten, die eine Zweitmeinung über ihre Erkrankung einholen möchten. Ist eine Operation unumgänglich, gilt es, einen schonenden und nachhaltig wirksamen Eingriff zu wählen. „Wir behandeln alle Deformitäten, entzündliche Veränderungen, Frakturen, Tumore oder Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule. Hierzu gehören individuell an den Patienten angepasste minimal-invasive Operationsmethoden sowie komplexe dreidimensionale Rekonstruktionen an der gesamten Wirbelsäule“, erklärt Prof. Kobbe.

Sieben Spezialisten zählt die Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Philipp Kobbe (3. v. l.).

Wirbelsäulenchirurgie ist Teamarbeit

Um ein optimales Behandlungsergebnis zu erreichen, das die unterschiedlichen Krankheits- und Therapiephasen umfasst, ist die Erfahrung eines präzise aufeinander abgestimmten Teams aus Spezialisten unterschiedlicher medizinischer Fachkompetenz von großem Vorteil. Die Versorgung von Wirbelsäulenerkrankungen stellt traditionell einen wichtigen Schwerpunkt der Uniklinik RWTH Aachen dar. Gleich sieben Spezialisten zählt die Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie unter der Leitung von Prof. Kobbe.

Eingebettet ist seine Abteilung in das Wirbelsäulenzentrum der Uniklinik RWTH Aachen, das die Klinik für Neurochirurgie und die Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie gemeinsam mit Radiologen, Schmerztherapeuten und Psychotherapeuten bilden. Durch die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit spezialisierter Abteilungen können die Fachleute ihren Patienten die bestmögliche Behandlung von Erkrankungen, Verletzungen und Formstörungen der Wirbelsäule bieten – oftmals besser als ein einzelner Spezialist dies könnte. Als universitäres Wirbelsäulenzentrum ist es in der Region das einzige seiner Art.

In wöchentlichen Wirbelsäulen-Spezialsprechstunden und interdisziplinären Wirbelsäulenkonferenzen beraten die Spezialisten gemeinsam über bestmögliche Behandlungsoptionen und legen den optimalen Therapieplan fest. Durch diesen Erfahrungsaustausch wird das gesamte Wissen und Können gebündelt und allen Patienten zur Verfügung gestellt.

Das Zentrum bietet das gesamte Spektrum konservativer und operativer Therapien – von minimal-­invasiven, mikrochirurgischen und endoskopischen Eingriffen mit Neuronavigation bis hin zu komplexen dreidimensionalen Rekonstruktionsoperationen. Dazu gehören auch die intraoperative Bildgebung (CT) und Navigation, das intraoperative elektrophysiologische Monitoring und telemedizinische Angebote. „Wir bieten unseren Patienten ein umfassendes abgestuftes Behandlungskonzept von der ersten ambulanten Begegnung über einen möglichen stationären Aufenthalt mit Operation bis zur umfangreichen Nachsorge“, fasst Prof. Kobbe zusammen.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, ist regelmäßige Bewegung wichtig. Denn eine starke Rumpfmuskulatur ist die beste Voraussetzung, um Rückenschmerzen vorzubeugen. „Ideal sind Sportarten wie Walken, Joggen, Schwimmen oder Radfahren“, rät der Experte.