Keine falsche Bewegung!

Die Körper von Babys, Kindern und Jugendlichen unterliegen einem dauernden Wandlungsprozess. Gelenke, Muskeln, Knochen und Knorpel befinden sich noch in der Entwicklungsphase, in der es zu Beeinträchtigungen im Haltungs- und Bewegungsapparat kommen kann. Diese Besonderheiten müssen in die Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einbezogen werden. Bestimmte Fehlentwicklungen sind manchmal auch angeboren. Nicht nur die richtige Wahl der Behandlung, sondern in erster Linie das Wissen über die physiologischen Grenzen und Möglichkeiten ist essentiell, um junge Patienten optimal versorgen zu können und Überbehandlungen zu vermeiden. apropos spricht mit Dr. med. Heide Delbrück, Leiterin der Sektion Kindertraumatologie, Kinderorthopädie und Knochenfehlstellungen der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen, über häufige Leiden.

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Alle Eltern wünschen sich, dass ihr Kind gesund ins Leben startet und ohne Beeinträchtigungen die Welt erkunden kann. Werden Auffälligkeiten am Bewegungssystem des Kindes bemerkbar, beispielsweise beim Laufen, ist es ratsam, sich an einen Experten zu wenden. „Oftmals hören Eltern die Aussage: ‚Das wächst sich raus‘. Doch wenn Kinder einen krummen Rücken, schiefe Beine, Plattfüße oder Fehlhaltungen im Hals- und Wirbelsäulenbereich aufweisen, sollte das durch einen erfahrenen Facharzt abgeklärt werden“, empfiehlt Dr. Delbrück. Denn diese Probleme erledigen sich nicht immer von alleine. Gerade in den Wachstumsphasen ist mit Veränderungen von Fehlstellungen zu rechnen. „Aus diesem Grund sind je nach Ausgangsbefund regelmäßige Verlaufskontrolluntersuchungen notwendig und unerlässlich. Mit entsprechendem medizinischen Know-how lässt sich eine Prognose stellen und eine geeignete Therapie in die Wege leiten“, so die Expertin.

Von angeboren bis erworben

Das Behandlungsspektrum des Teams um Dr. Delbrück ist breit gefächert und deckt von Kopf bis Fuß den gesamten Bewegungsapparat ab. Die Uniklinik RWTH Aachen bietet nicht nur bei akuten Verletzungen, Unfällen oder sportlich bedingten Beschwerden medizinische Hilfe. „Auch für alle angeborenen und erworbenen Erkrankungen der Haltungs- und Bewegungsorgane im Wachstums­alter, wie Klump- und Sichelfuß, Hüft­erkrankungen, Beinlängenunterschiede und Beinverkrümmungen wie O- und X-Beinfehlstellungen bieten wir individuelle Behandlungskonzepte und altersgerechte Therapiemöglichkeiten an“, ergänzt Dr. Delbrück.

Von normal bis krankhaft

Wann ist etwas nicht mehr „normal“ und wann sollte man etwas dagegen unternehmen? Diese Frage stellen sich viele Eltern. „O-Beine beispielsweise sind bei Säuglingen in bestimmtem Ausmaß normal. Mit Laufbeginn entwickeln sich daraus nicht selten X-Beine, die sich mit dem pubertären Wachstumsschub normalisieren sollten“, erklärt die Kinder­orthopädin. Weichen die Bein-Achsen jedoch sehr stark ab oder bleibt die natürliche Korrektur aus, empfiehlt es sich, einen Spezialisten um Rat zu fragen. „Knochenfehlstellungen sind manchmal mehr als ein Schönheitsfehler. Unbehandelt können sie später zu vorzeitigen Arthrosen, Funktionseinschränkungen und anderen Beschwerden führen“, macht Dr. Delbrück deutlich.

Moderne Behandlung mittels 3D-Druck

Auch wenn sich die Krankheitsbilder im Bereich der Kinderorthopädie und Knochenfehlstellungen seit Jahrhunderten nur unwesentlich verändert haben, so haben sich die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten wesentlich weiterentwickelt. „Für die präzise Analyse von wachstums- oder unfallbedingten Knochen- und Gelenkfehlstellungen stehen uns ergänzend zu den bisherigen Verfahren moderne Softwarelösungen sowie der 3D-Druck zur Planung und Durchführung operativer Korrekturen zur Verfügung“, so die Sektionsleiterin. Für komplexe Korrekturen am Hüftgelenk, Bein- oder Armfehlstellungen werden in der Uniklinik RWTH Aachen stets individuelle Behandlungskonzepte erarbeitet. Ein neues Verfahren bietet die virtuelle Planung mit 3D-Druck von personalisierten Operations-Schablonen mittels einer Software. Anhand von Schnittbild-Aufnahmen der zu korrigierenden Region erstellen die Experten eine 3D-Rekonstruktion. Nach durchgeführter Analyse werden auf Basis der freigegebenen Pläne Modelle und Schablonen dreidimensional gedruckt. „Die Schablonen sind auf die individuelle Anatomie der Patienten abgestimmt, anhand derer wir die genaue Schnittführung und die genaue Fixierungsposition planen und durchführen können. Das vereinfacht nicht nur die Arbeitsabläufe des Chirurgen, sondern optimiert durch verbesserte Vorhersehbarkeit die Operationsresultate und Versorgung unserer Patienten“, erläutert die erfahrene Oberärztin.

Kinder müssen ihrem Alter entsprechend untersucht und mit Fingerspitzengefühl behandelt werden. Verletzungen oder Knochendeformitäten können nur dann erfolgreich behandelt werden, wenn die operative und die krankengymnastische Therapie stark miteinander verzahnt sind. „Wir haben in der Uniklinik RWTH Aachen ideale Voraussetzungen, die Kinder ganzheitlich zu behandeln. Bei der Therapie steht die schnellstmögliche Mobilisierung des Kindes im Vordergrund. Dieses Ziel wird in der Regel mit minimal-­invasiven Operationsmethoden oder Gipsbehandlungen ohne langen stationären Aufenthalt erreicht. Falls Wachstumsstörungen auftreten, werden diese durch uns im Verlauf beobachtet und gegebenenfalls korrigiert“, so Dr. Delbrück. Mehr als in anderen operativen Fächern ist die oft jahrelange ambulante Begleitung der Patientinnen und Patienten der entscheidende Baustein zum Erfolg.


Mehr über die Sektion Kindertraumatologie, Kinderorthopädie und Knochenfehlstellungen unter www.unfallchirurgie.ukaachen.de