Zu Besuch bei der Feuerwehr-Leitstelle für die StädteRegion Aachen

Brennende Kochtöpfe, entlaufene Skorpione, ein Tornado, der durch die Eifel fegt, oder doch ein medizinischer Notfall? Wenn eines der vielen Telefone klingelt, wissen die Disponenten nie, was sie erwartet. apropos zu Besuch in der Leitstelle der Feuerwehr für die StädteRegion Aachen.

Morgens, kurz vor zehn in der Stolberger Straße: So langsam beginnt die „Primetime“ in der Leitstelle der Feuerwehr für die Stadt Aachen und die StädteRegion. „Zwischen 10 und 14 Uhr ist hier am meisten los“, verrät Christof Koerentz, seit 13 Jahren Teil des Teams und mittlerweile Leiter der Leitstelle, in der insgesamt knapp 50 Kollegen und eine Kollegin als Disponenten, Schichtführer oder Dienstgruppenleiter Dienst tun. Zehn von ihnen sind zurzeit im Einsatz. 24 Stunden dauert ihre Schicht, Bereitschaftszeiten eingerechnet. „Jeder Disponent ist maximal zehn Stunden am Platz. Nicht am Stück, sondern in Intervallen“, erzählt Christof Koerentz. „Zwischendurch können die Kollegen Sport treiben, sich weiterbilden oder einfach nur ausruhen. Doch sobald hier unten Hektik aufkommt, etwa durch ein starkes Unwetter mit vielen Notrufen, wird aufgestockt.“

Aktuell ist es relativ ruhig. Es herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. Fünf Disponenten stehen oder sitzen an ihren Plätzen, vor sich vier Bildschirme, das Headset am Ohr. Eine große LED-Wand in der Mitte des Raums verrät unter anderem, welches Krankenhaus aktuell welche Kapazitäten bereithält. Die Ampeln an den Tischen leuchten rot und signalisieren: Hier wird gerade geholfen. Geht ein neuer Anruf ein, strahlt es überall orange – bis einer der Disponenten den Anruf übernimmt. 6,68 Sekunden betrug 2019 die durchschnittliche Annahmezeit. Braucht ein Kollege Unterstützung, kann er sie direkt anfordern.

Jeder weiß, wie es „auf der Straße“ zugeht (v. l.): Marcus Hübner (Stellv. Schichtführer Leitstelle für die StädteRegion Aachen), Johannes Wilde (Stellv. Leiter Werkfeuerwehr Uniklinik RWTH Aachen) und Christof Koerentz (Leiter Leitstelle für die StädteRegion Aachen).

Feuerwehrfrauen gesucht!

Frauen sieht man hier noch selten. In der Leitstelle gibt es nur eine stellvertretende Schichtführerin. Auch bei der Berufsfeuerwehr ist die Quote mit insgesamt drei Feuerwehrfrauen unter 450 Männern bescheiden. „Leider“, meint Christof Koerentz, denn: „Wir möchten möglichst vielen Frauen die Möglichkeit bieten, diesen spannenden Beruf zu ergreifen. Hier herrscht völlige Chancengleichheit.“

Egal ob Mann oder Frau: Jeder, der in der Leitstelle Dienst tut, weiß, wie es „auf der Straße“ zugeht. Reine Schreibtischtäter sind hier fehl am Platz. „Alle Kolleginnen und Kollegen sind aktiv im Rettungsdienst gefahren“, erzählt Christof Koerentz, „der ein oder andere fährt gelegentlich auch heute noch, um ‚drin‘ zu bleiben.“ Neben den gesetzlich geforderten Fortbildungen für den Rettungsdienst werden die Disponenten speziell auf die Notrufannahme vorbereitet – auch in englischer Sprache. „Wir lernen, Leute zu beruhigen, die aufgeregt sind. Wir trainieren Techniken und erarbeiten Abfrageprotokolle, um möglichst schnell an die wichtigsten Informationen zu kommen. Und wir üben Handlungsanweisungen zur Reanimation, damit die Verletzten vor Ort bis zum Eintreffen unserer Leute versorgt sind.“

Konzentrierte Betriebsamkeit in der Hauptwache der Leitstelle der Feuerwehr für die StädteRegion Aachen an der Stolberger Straße.

Gefragt sind Nervenstärke und Besonnenheit

So gerüstet tun die Disponenten ihren wichtigen Dienst, koordinieren Krankentransporte, Hilfeleistungen, Einsätze von Rettungsdienst und Feuerwehr. Sie unterstützen die Kollegen der Werkfeuerwehr an der Uniklinik RWTH Aachen und steuern die Routen der Rettungshubschrauber. „Das besonders Tolle an unserem Beruf ist, dass wir innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen müssen. Das geht nur mit Nervenstärke und Besonnenheit“, sagt Marcus Hübner, der als stellvertretender Schichtführer die Einsätze „seiner Disponenten“ koordiniert. Und mit jeder Menge Geduld, denn nicht selten sitzen die Männer und Frauen scheinbar am Sorgentelefon, an der Servicehotline oder dem Auskunftsportal. Von den rund 120.000 jährlichen sogenannten „dringenden Hilfeersuchen“ sind gut ein Drittel keine echten Notfälle.

Entsprechend lang ist die Liste an skurrilen Einsätzen: vom Vogel hinter der Schrankwand – der letzten Endes kein Vogel war, sondern ein piepender Rauchmelder mit schwächelnder Batterie – bis zum Skorpion, der als blinder Passagier aus dem Urlaub mitgereist war und sich plötzlich im rheinischen Wohnzimmer herumtrieb. Plus all die Hilfegesuche, weil der Reisepass abgelaufen ist, das Kind fiebrig wirkt oder der Schwan im See eingefroren scheint.

„Wir versuchen, jedem zu helfen“, sagt Michael Wienold, Leiter der Datenversorgung, der nach 28 Jahren im Dienst fast alle Einsatzszenarien miterlebt hat. Mit Erfahrung, Geduld und einem großen Netzwerk gibt es kaum eine Situation, in der er nicht weiterweiß. Doch auch er zieht Grenzen und wünscht sich von der Bevölkerung „ein bisschen mehr Selbständigkeit“: „Wir sind vor allem da, um Gefahren abzuwehren, und können nicht jedes Bedürfnis befriedigen.“

Der Klassiker: angebranntes Essen

Neben der Hauptwache an der Stolberger Straße betreibt die Berufsfeuerwehr Aachen drei weitere Wachen.

Brandschutzeinsätze sind – glücklicherweise – vergleichsweise selten. Rund zehn bis 15 Mal am Tag geht von irgendwo in der StädteRegion ein Feueralarm in der Leitstelle ein. Oft sind es Fehlauslösungen der Brandmeldeanlagen, manchmal auch Mitternachtssnacks, die am Ende einer Partynacht in Flammen aufgehen. Meist reicht dann die kleinste Einheit, der sogenannte Trupp, bestehend aus zwei Einsatzkräften, um das Problem zu lösen. Zur Brandbekämpfung wird in der Regel ein Löschzug alarmiert. Bei größeren Gefahrenlagen kommen laut Alarm- und Ausrückeordnung weitere Löschzüge und auch Spezialkräfte hinzu. „Jede Feuerwache bringt neben den üblichen Brandschutzaufgaben auch ein gewisses Maß an Spezialisierung mit, was Ausstattung und Personal betrifft“, sagt Christof Koerentz. „Das gilt zum Beispiel bei Chemieunfällen, Höhenrettung oder technischer Hilfeleistung. So sind wir in der Region auf fast alles vorbereitet.“

Nur nicht auf Corona. Das Virus traf die Leitstelle wie uns alle überraschend. Zügig mussten Maßnahmen ergriffen werden, um in der Krise handlungsfähig zu sein und zu bleiben. „Wir haben unser Konzept zum Betrieb der Redundanz-Leitstelle im Norden auf Corona angepasst, um unser Personal im Notfall trennen zu können“, erzählt Michael Wienold. „Eine Situation wie bei Tönnies wäre bei uns eine Katastrophe. Denn wenn die Leitstelle ausfällt, fährt auch kein Rettungswagen mehr. Systemrelevanter geht’s kaum.“


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Wussten Sie schon, dass …

  • die Leitstelle für rund 570.000 Einwohner verantwortlich ist?
  • rund 120.000 Notrufe jährlich eingehen?
  • circa 95 Prozent aller Auslösungen von Brandmeldeanlagen Fehlauslösungen sind?
  • Silvester der arbeitsreichste „normale“ Tag in der Leitstelle ist (abgesehen von Großbränden, Unwettern etc.)?
  • in der StädteRegion etwa 70 Krankentransporte und 170 Rettungsdiensteinsätze täglich durchgeführt werden?
  • in der StädteRegion rund 10 bis 15 Feuerwehreinsätze pro Tag anfallen?
  • es grenzüberschreitende Kooperationen mit den niederländischen und belgischen Feuerwehren in der Euregio gibt?
  • unter den 450 Einsatzkräften der Berufsfeuerwehr Aachen nur drei Frauen sind?
  • Bewerbungen von Frauen deshalb besonders gerne gesehen werden?