Spieglein, Spieglein an der Darmwand

Die Darmspiegelung ist zur Früherkennung von Darmkrebs für Männer ab 50 und Frauen ab 55 die zurzeit wichtigste Methode. Also gut, denkt der 53-Jährige Autor, meldet sich an und stellt fest: Die Untersuchung ist weniger unangenehm als erwartet.

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Um es direkt vorwegzunehmen: Hat man die Abführflüssigkeit einmal durch den Hals gezwungen, ist der Rest ein Kinderspiel. Früher, sagt mir die Medizinische Fachangestellte (MFA) beim Gastroenterologen, habe man ein paar Liter trinken müssen. Heute ist es nur noch einer, auf zwei Tage verteilt. Das ist zweifelsfrei ein Fortschritt. Eziclen heißt das Teufelszeug, was mir die sympathische MFA mit einem Lächeln in die Hand drückt. Manche Mittelchen dieser Art schmücken sich mit Angaben wie Orangen- oder Zitronengeschmack. Eziclen tut erst gar nicht so, als könnte es mit einer Limonade mithalten. Ein ehrliches Produkt. Das gefällt mir.

Den Aufklärungsbogen habe ich zu diesem Zeitpunkt schon ausgefüllt, kenne die Risiken und Nebenwirkungen und habe alle Fragen zu Allergien, Medikamentengebrauch und Vorerkrankungen gewissenhaft ausgefüllt. Auch das Vorgespräch ist kein großer Akt. Dank Corona bin ich nach 15 Minuten Videocall bestens informiert. Einen Termin für die Koloskopie habe ich auch schon: In zwei Wochen geht’s rund.

Halb so wild!

Ab drei Tagen vor dem Eingriff sind Obst, Gemüse und alles andere, was irgendeine Form von Kernen enthält, tabu. Auch Vollkornprodukte und Müsli bleiben im Schrank. Am Tag vor der Untersuchung ist noch ein leichtes Frühstück erlaubt, ab dem Mittag darf ich nur noch helle und klare Flüssigkeiten, zum Beispiel Schorle, zu mir nehmen.

Das Koloskop ist eine spezielle Form des Endoskops zur Inspektion des Dickdarms. Es ist biegsam und besteht aus einem flexiblen Schlauch mit einer Optik (Lichtquelle und Kamera), der über den After in den Darm geschoben wird. (© Milton Oswald – stock.adobe.com)

Am Abend kommt dann die erste Halbliterflasche Eziclen an die Reihe. Das sich der Geschmack angeblich durch Kühlung oder mit Hilfe von Apfelsaft verbessern lässt, erfahre ich erst hinterher. Egal. Ich kippe einen Liter Wasser nach und schmecke fast nichts mehr. Außerdem wirkt das Zeug, Geschmack hin oder her, äußerst gründlich und treibt mich ein paar Mal aufs Porzellan. Danach beruhigt sich mein Verdauungstrakt wieder und macht Platz für ein Hungergefühl. Jetzt heißt es stark bleiben. Doch alles in allem: halb so wild!

Die zweite Flasche soll drei Stunden vor dem Untersuchungstermin getrunken werden. Mein Termin ist um 9 Uhr, sodass ich den Wecker stelle und um 6 Uhr die Flasche ansetze. Um diese Zeit hält sich der Genuss in besonders engen Grenzen. Eine Stunde Schlaf ist danach dennoch drin. Die Unruhe im Unterbauch lässt nach. Der Hunger ist weg, auf dem stillen Örtchen ist es wieder still und es entwickelt sich die erwünschte, klare Flüssigkeit. Wie es scheint, ist mein Darm bereit für die Show.

An etwas Schönes denken

Eine halbe Stunde vor dem Termin sitze ich im Wartezimmer und bemühe mich, an etwas Schönes zu denken. Dann ist es soweit und ich finde mich in einem kleinen Raum mit vielen Monitoren wieder. Nach einem kurzen Gespräch mit dem netten Gastroenterologen entscheide ich mich gegen eine „Schlafspritze“. Wenn es zu unangenehm wird, könne ich ja immer noch darauf zurückgreifen, sagt er. Das überzeugt mich. Außerdem bin ich viel zu neugierig darauf, welche cineastischen Highlights der Ausflug in meinen Unterleib bereithält. Wer will das denn verschlafen?

Nach einer kurzen rektalen Untersuchung kommt schließlich das Endoskop zum Einsatz. Der biegsame Schlauch mit Kamera wird zunächst bis zur Mündung des Dünndarms in den Dickdarm geschoben und muss dabei ein paar Windungen nehmen. Erst auf dem Rückweg erfolgt die eigentliche Untersuchung, erklärt der Arzt. Bei einer besonders scharfen Kurve hilft die anwesende MFA und drückt gegen meinen Bauch, damit der Schlauch die richtige Richtung einschlägt. Ich weiß nicht recht, wie ich das Ganze finde. Schmerzhaft ist es jedenfalls nicht, eher unangenehm.

„Die Reise ins Ich“

Nach wenigen Minuten ist das Endoskop auch schon am Ziel. Dann wird der Schlauch langsam zurückgezogen. Auf diese Weise lassen sich der gesamte Dick- und Enddarm, in denen die allermeisten Darmkrebserkrankungen auftreten, en détail untersuchen. Ich verfolge diese spannende Wanderung durch meinen Verdauungstrakt an einem eigenen Monitor. Die Bilder sind gestochen scharf, die Darmwand sieht rosig und irgendwie futuristisch aus. Ich denke an Dennis Quaid in „Die Reise ins Ich“.

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Auch der Gastroenterologe ist zufrieden. Er lobt meinen „sehr sauberen Darm“ und entdeckt keine Polypen, die eine Vorstufe von Darmkrebs sein könnten und die er während der Darmspiegelung entfernen müsste. Alles bestens also, stelle ich nach rund 15 Minuten Untersuchung erleichtert fest, doch das Aufatmen kommt zu früh: Um die Darmwände gut inspizieren zu können, wird bei der Darmspiegelung Luft in den Darm geführt. Jetzt spüre ich, dass diese wieder raus will. Hier scheint das Gott sei Dank niemanden zu stören.

Kaum habe ich die Praxis verlassen, zeigen sich die Vorteile einer Untersuchung ohne Betäubung. Ich fühle mich fit, darf Autofahren und auch mein Appetit meldet sich zurück. Auf ins nächste Frühstückscafé. Die Praxis sieht mich spätestens in zehn Jahren wieder.


Weitere Informationen zum Darmkrebs finden Sie auf der Website des Krebsinformationsdiensta des Deutschen Krebsforschungszentrums.

Ein Interview mit Dr. Christa Maar, geschäftsführender Vorstand der Felix Burda Stiftung und Präsidentin des Vereins „Netzwerk gegen Darmkrebs“, lesen Sie hier.