Schmerzhaft und belastend: Wenn Wunden chronisch werden

Kleine Verletzungen im Alltag heilen meistens schnell von selbst ab. Bei größeren Wunden kann der Heilungsprozess länger dauern, manche Wunden heilen gar nicht: Rund fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an einer chronischen Wunde, einem Ulcus. Für diese Menschen beginnt ein langwieriger Leidensweg, verbunden mit Schmerzen, erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität sowie sozialer Isolation. Im neu gegründeten interdisziplinären Wundzentrum an der Uniklinik RWTH Aachen finden Betroffene seit Juli 2020 Hilfe.

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Neue Haut wächst nicht nach, die Wunde verschließt sich nicht. Stattdessen: Schmerzen, Juckreiz, nässende Sekretion, gelbliche, schmierige und/oder schwarze Beläge, mitunter ein unangenehmer Geruch. Wunden werden als chronisch bezeichnet, wenn sie nach vier bis zwölf Wochen trotz Behandlung nicht abheilen.

Ursachen für Wundheilungsstörungen

Häufige Gründe für ihre Entstehung sind Gefäßerkrankungen wie Durchblutungsstörungen, Diabetes („Zuckerkrankheit“) oder eine Schwäche des Immunsystems. Am häufigsten treten das „offene Bein“ (Ulcus cruris), Wundliege-/Druckgeschwüre (Dekubitus) sowie das diabetische Fußsyndrom auf.

„Gerade Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, chronische Wunden zu entwickeln. Der jahrelang erhöhte Blutzuckerspiegel verursacht schwere Schädigungen der Nerven und Blutgefäße in den Beinen. Die Folge: Selbst kleinste Verletzungen heilen nur schlecht ab, sie infizieren sich leicht und es entwickeln sich oft große Geschwüre, die sich bis auf den Knochen ausbreiten können“, weiß Priv.-Doz. Dr. med. Laurenz Schmitt, Oberarzt in der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik und Ärztlicher Koordinator der interdisziplinären Wundsprechstunde. Aber auch andere Systemerkrankungen können das Auftreten von Wunden begünstigen. „Eine akute Wunde, die nicht fachgerecht behandelt wird, kann ebenfalls chronisch werden. Verschlechtert wird die Wundheilung zusätzlich durch Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder Übergewicht“, ergänzt Dr. Schmitt.

Der erste Schritt: die richtige Diagnose

Bei chronischen Wunden muss immer zuerst die Ursache gefunden werden. „Neben der Wundversorgung ist es unerlässlich, dass die Ursache oder die begünstigende Grunderkrankung behandelt wird, die die Entstehung der Wunde verursacht hat“, betont Univ.-Prof. Dr. med. Amir Yazdi, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik und Leiter des neuen Wundzentrums. „Nur so können wir zielgerichtet eine fachgerechte Wundtherapie einleiten“, ergänzt er. Das bedeutet, dass beispielsweise bei einer gestörten Durchblutung erst der Blutfluss verbessert werden muss, damit in einem nächsten Schritt auch die Wunde erfolgreich abheilen kann. „Wird die Ursache nicht behoben, besteht kaum eine Chance auf Heilung“, so der Klinikdirektor.

Bei chronischen Wunden besteht ein besonders hohes Risiko für Infektionen.

Multiprofessionelles Vorgehen

Um Patienten eine moderne patientengerechte und qualitätsgesicherte Diagnostik und Therapie zu gewährleisten, arbeitet am Aachener Wundzentrum ein umfassendes Netzwerk an Spezialisten zusammen. „Es bedarf Diabetologen, die beispielsweise den Blutzucker richtig einstellen. Gefragt sind aber auch Radiologen, Angiologen und Gefäßchirurgen, die unter anderem die Durchblutung weitestgehend wiederherstellen können. Dermatologen, Plastische Chirurgen und zertifizierte Wundexperten sind dann dafür zuständig die Wunden von abgestorbenem Gewebe zu befreien, zu reinigen und operativ zu versorgen“, erklärt Prof. Yazdi. Auf diese Weise kann das interdisziplinäre Team einen bestmöglichen Heilungsverlauf sicherstellen.

Moderne Wundversorgung lindert Leid

Eine zerstörte Hautbarriere begünstigt den Eintritt von Erregern. Daher besteht bei chronischen Wunden ein besonders hohes Risiko für Infektionen. Aus diesem Grund ist eine sorgfältige Säuberung, etwa mit medizinischen Spüllösungen, erforderlich. „Ist im Wundbereich das Gewebe bereits abgestorben, muss es mittels verschiedener Verfahren entfernt werden, damit die Verletzung ausheilen kann“, sagt Dr. Schmitt. Welches Verfahren dafür geeignet ist, hängt von der Art und der Größe der Verletzung ab.

Gelangen Bakterien in die Wunde, droht eine Entzündung. Da sich chronische Wunden, solange sie infiziert sind, nicht verschließen lassen, müssen sie stadiengerecht versorgt werden. So werden nicht nur erneute Infektionen, sondern auch das Austrocknen des Wundgrundes vermieden. „Die richtige Wundauflage spielt hierbei eine wichtige Rolle. Am Zentrum arbeiten wir im Rahmen der Wunderversorgung mit modernsten Wundauflagen: von interaktiven und inaktiven bis hin zu bioaktiven Wundauflagen“, so der Oberarzt. Ohne eine fachgerechte Behandlung können sich Bakterien und Krankheitserreger weiter ausbreiten und es besteht die Gefahr einer Blutvergiftung (Sepsis).

Eine chronische Wunde kann dazu führen, dass sich der Patient unwohl fühlt, Scham empfindet und sich aus dem sozialen Leben zurückzieht. „Aus diesem Grund ist eine gute persönliche und medizinische Unterstützung so wichtig“, macht Prof. Yazdi deutlich.

Begleitende Maßnahmen zur Unterstützung der Wundheilung

Da Betroffene in der Regel nicht nur seelisch, sondern auch körperlich aufgrund starker Schmerzen unter ihren chronischen Wunden leiden, ist neben der Behandlung der Grunderkrankung und der Wundversorgung eine adäquate Schmerztherapie ein wichtiger Bestandteil der Therapie.

Grundsätzlich ist die Therapie chronischer Wunden komplex, langwierig und vor allem belastend. Meist vergehen Monate oder gar Jahre bis zu einer Heilung – auf die dann eventuell rasch ein Rückfall folgt. „Das Ziel jeder Behandlung ist, die Lebensqualität durch einen Wundschluss wiederherzustellen, bestehende Schmerzen zu lindern und die für die Wunde ursächliche Grunderkrankung zu behandeln“, betont der Klinikdirektor. Dies kann entweder konservativ über lokale Maßnahmen oder auch durch operative Eingriffe erreicht werden.