Ich denke, also bin ich

Für den einfachen Schutzreflex bis hin zu essenziellen Körperfunktionen sind sie grundlegend: unsere Nerven. Ohne sie wären wir nicht lebensfähig. Dabei ist es wichtig, sich gut um sie zu kümmern. Denn erkrankt unser Nervensystem, kann dies schwerwiegende Folgen haben.

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Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. So lautet eine Grundannahme des Philosophen René Descartes, auf die er seine Existenz begründet. Wenngleich es ein philosophischer Ansatz ist, beherbergt er auch wissenschaftlich betrachtet wahres Potenzial. Denn Denken ist genauso wie Fühlen, Sprechen oder sich Bewegen von unserem Nervensystem gesteuert; ohne Nerven sind wir nicht lebensfähig. Nerven lassen uns Empfindungen und Gefühle wahrnehmen und schützen uns gleichzeitig. Dank ihnen ziehen wir zum Beispiel reflexartig die Hand zurück, wenn wir eine heiße Herdplatte anfassen.

Das Gehirn ist mit seinen Milliarden von Nervenzellen die Schaltzentrale des Menschen.

Grundlage unseres Fühlens und Denkens

Wie komplex unser Nervensystem ist, zeigt sich in seinen vielfältigen Aufgaben und Prozessen. Es steuert bewusste und unbewusste Aktionen wie unsere Atmung und Körpertemperatur, das Herz-Kreislauf-, Hormon- oder Schlaf-Wach- System. Dabei analysiert das System blitzschnell die Reaktionen des Körpers, steuert, koordiniert, reguliert und verarbeitet physische und psychische Reize, die Motorik sowie unzählige Abläufe in den Organsystemen. Dank unseres Nervensystems können wir sagen, dass sich eine Berührung gut anfühlt, dass ein Stück Schokolade lecker schmeckt.

Das Gehirn des Menschen ist dabei mit seinen Milliarden von Nervenzellen die Schaltzentrale für alle Informationen. Dort werden im Wach- und Schlafzustand Sinneseindrücke, Gefühle, Verhalten, Lernen, Denken, Sprechen, Gedächtnis, Reaktionen oder Reflexe ausgelöst, verarbeitet, koordiniert oder gespeichert. Dabei arbeitet das Gehirn 24 Stunden am Tag, mit einer beständig hohen Leistung. Auch wenn wir schlafen und uns regenerieren, unser Gehirn schläft nie. Bestimmte Teile des Gehirns sind im Schlaf aktiv, lassen uns zum Beispiel träumen oder sorgen dafür, dass bestimmte Informationen in unser Langzeitgedächtnis übergehen.

Ein riesiges Nervennetzwerk durchzieht unseren Körper. Das periphere Nervensystem umfasst den Teil des Nervensystems, der außerhalb von Gehirn und Rückenmark liegt – letztere bilden gemeinsam das zentrale Nervensystem. (© arsdigital / Fotolia)

Vom Schutzreflex bis hin zu essenziellen Körperfunktionen

In Anbetracht der Komplexität dieser Prozesse stellt sich schnell die Frage: Wie kann das alles vonstattengehen? Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Weil ein riesiges Nervennetzwerk unseren Körper durchzieht, Nervenbahnen verlaufen kreuz und quer durch unseren Organismus. Dieses Nervennetzwerk bildet sich schon während der Entwicklung im Mutterleib und bestimmt unser Leben bis zum Tod. Darin enthalten sind Milliarden von Nervenzellen, die verschiedene Aufgaben wahrnehmen und alle wichtigen Körperfunktionen steuern.

Untergliedert ist dieser Komplex in das sogenannte zentrale und das periphere Nervensystem, die gemeinsam eine funktionelle Einheit bilden. Zum Beispiel bei der Schmerzwahrnehmung, wenn man auf die berüchtigte heiße Herdplatte fasst und binnen dem Bruchteil einer Sekunde die Hand wieder zurückzieht. Diese Reaktion, die blitzschnell passiert und uns vor Schmerzen und Verbrennungen schützt, ist ein präzise aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel einer Kette von Nervenzellen im peripheren und zentralen Nervensystem. Das periphere Nervensystem nimmt über die Sinne – in diesem Fall die Schmerzrezeptoren in der Haut – Informationen von außen auf und leitet sie zum zentralen Nervensystem weiter. Dort werden die Informationen verarbeitet und entsprechende Reaktionen geplant. Beim Rückziehreflex müssen diese Informationen nicht erst im Gehirn verarbeitet werden, sondern werden direkt im Rückenmark verschaltet. Das Rückenmark ist neben dem Gehirn der zweite wichtige Teil des Zentralnervensystems. Dort wird ein Befehl an die Muskeln im Arm erzeugt. Die ausführenden Nervenzellen des peripheren Nervensystems, das den Körper durchläuft, sind dann wiederum dafür zuständig, diese Kommandos an die Muskeln des Arms zu leiten und dort die rettende Bewegung auszulösen.

So anspruchsvoll und vielfältig die Aufgaben des Nervensystems sind, so komplex sind auch seine Zellen. Stark vereinfacht besteht es nur aus zwei Zelltypen: den Nervenzellen (Neuronen) und den Stützzellen (Gliazellen). Je nach Einsatzgebiet – von der Muskelsteuerung bis hin zur Verarbeitung von Sprache – weisen Nervenzellen allerdings gewisse Spezialisierungen auf. Neuronen unterscheiden sich in Abhängigkeit ihrer Aufgabe in Morphologie, zum Beispiel Größe und Form, in Botenstoffen, Funktionsweise sowie der Vernetzung. Auch bei den Gliazellen gibt es verschiedene Untertypen.

Apropos „graue Zellen“: Sind die „grauen Zellen“ wirklich grau?
Jeder kennt diesen Ausdruck: „Streng mal deine grauen Zellen an!“ Aber warum bezeichnen wir unser Gehirn, oder besser gesagt: unsere Nervenzellen, als „graue Zellen“? Haben sie tatsächlich diese Farbe? Nein, nicht wirklich. Doch obwohl die einzelne Nervenzelle für sich genommen keine Farbe hat, kommt die Bezeichnung nicht von ungefähr. Es gibt einen Bereich im Gehirn mit vielzähligen Nervenzellkörpern, Mediziner bezeichnen dies als „graue Substanz“. Der Bereich bildet die äußere Schicht des Groß- und Kleinhirns, die Hirnrinde. Die graue Substanz ist aber auch in einigen Regionen tief im Inneren des Hirns vorzufinden. In all diesen Bereichen liegen die Zellkörper so dicht beieinander, dass sie mit dem bloßen Auge tatsächlich grau erscheinen. Zum scharfen Nachdenken strengt man übrigens sogar wirklich bevorzugt die Nervenzellen in der grauen Substanz an. Sie sind maßgeblich an der Verarbeitung von Informationen beteiligt.

Nerven müssen gepflegt werden

Da unser Nervensystem eine solch essenzielle Bedeutung für unseren Organismus und unser Leben hat, ist es wichtig, es gut zu pflegen. Umweltgifte und Drogen inklusive dem Zellgift Alkohol, aber auch ein zunehmendes Alter sind die größten Feinde von Nervenzellen. Wichtig sind vor allem eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung. Die gute Funktion des gesamten Nervensystems ist Zeit unseres Lebens von der ausreichenden Versorgung mit Nährstoffen abhängig. Obwohl unser Gehirn nur einen Anteil von etwa zwei Prozent am Körpergewicht hat, verbraucht es rund 20 Prozent des Sauerstoffs und 25 Prozent der Glukose, die wir dem Körper durch Atmung und Nahrung zuführen.

Wir können unseren Nervenzellen – und damit uns selbst – aber auch etwas Gutes tun, indem wir sie auf Trab halten. Sie sind stets bereit für neue Aufgaben. Wenn wir etwas Neues lernen, wächst unser Gehirn. Selbst im Alter ist das noch möglich. Wer rastet, der rostet, gilt also auch für unsere Nervenzellen.

Wenn das Nervensystem erkrankt

Rund zweieinhalb Millionen Patienten werden einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie aus dem Jahr 2015 zufolge pro Jahr in Deutschland neurologisch behandelt. Neurologen befassen sich mit der Wissenschaft und Lehre vom Nervensystem, seinen Erkrankungen und deren medizinischer Behandlung. Sie behandeln nicht nur Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, sondern ebenfalls der Muskulatur. Darunter fallen Volkskrankheiten wie Kopfschmerzen oder Migräne, aber auch neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer und autoimmunologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Auch Gehirntumor-, Epilepsie- und Schlaganfallbehandlungen gehören ebenso wie neuromuskuläre Erkrankungen und viele Seltene Erkrankungen zum Aufgabengebiet. Die Grenzen zu anderen medizinischen Disziplinen sind dabei teilweise fließend. „Dadurch, dass unser Nervensystem einen so zentralen Teil unseres Körpers ausmacht, müssen zahlreiche Erkrankungen interdisziplinär betrachtet und auch behandelt werden. In der Uniklinik in Aachen arbeiten wir eng mit anderen Fachbereichen zusammen, um den Patienten eine angemessene und qualitativ hochwertige Behandlung gewährleisten zu können“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Jörg B. Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen. Neurovaskuläre Erkrankungen behandeln die Aachener Neurologen gemeinsam mit den Kliniken für Neuroradiologie, Neurochirurgie und Gefäßchirurgie und Gehirntumoren mit den Kliniken für Neurochirurgie, Strahlentherapie sowie dem Institut für Neuropathologie.

Die therapeutischen Möglichkeiten haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten dramatisch geändert. Galt die Neurologie vor 25 Jahren im Wesentlichen als diagnostisches Fach, werden heute in der Routineversorgung Therapien angeboten, die neue entzündliche Schübe bei der Multiplen Sklerose unterdrücken und Gefäßverschlüsse beim Schlaganfall wiedereröffnen. Andere Erkrankungen, zum Beispiel die Parkinson-Krankheit, können zwar nicht geheilt werden, aber es stehen vielfältige, an das jeweilige Stadium der Erkrankung angepasste Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. „Heutzutage können wir mithilfe bildgebender Verfahren und neuer Medikamente den Krankheitsverlauf bei vielen Erkrankungen gut verfolgen und positiv beeinflussen“, weiß Prof. Schulz. Und die Forscher arbeiten daran, unser Nervensystem weiter aufzuschlüsseln.

Klinik für Neurologie
Die Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen besteht aus zwei Normalstationen, einer Intensivstation, einer speziellen Abteilung für Schlaganfallpatienten, der sogenannten Comprehensive Stroke-Unit, einer neuropsychologischen Therapiestation, einer Sektion Neurogeriatrie, einer Sektion Epileptologie, einem Schlaflabor und einer Poliklinik. Zahlreiche Spezialsprechstunden runden das Angebot ab.
Schwerpunkte liegen unter anderem im Bereich neurodegenerativer Erkrankungen (Parkinson, Demenzen und Ataxien), in der Schlaganfallversorgung und -nachsorge, der Epileptologie sowie neuroimmunologischer und neuromuskulärer Erkrankungen. Zahlreiche Erkrankungen werden in interdisziplinären Zentren gemeinsam mit anderen Fachdisziplinen der Uniklinik RWTH Aachen behandelt.
Zur Entwicklung neuer therapeutischer Strategien für neurologische Erkrankungen streben die Aachener Neurologen darüber hinaus eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Krankenversorgung an. Translationale Forschungsprojekte – also Projekte, die auf eine schnelle Umsetzung von Forschung in die klinische Anwendung zielen – werden in der Klinik von Medizinern und Naturwissenschaftlern gemeinschaftlich bearbeitet.

www.neurologie.ukaachen.de