Mehr als nur vergessen

Sie lässt Betroffene langsam vergessen, verändert ihre Persönlichkeit und nimmt ihnen im Endstadium die Fähigkeit zu essen und zu sprechen. Immer mehr Menschen leiden an Alzheimer, doch heilen kann man diese Nervenerkrankung nicht. Wie kann man Betroffenen helfen?

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In Deutschland leben aktuell etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen. Demenz ist ein Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen einhergehen. Dazu zählen Denken, Erinnern, Orientieren und Verknüpfen von Denkinhalten. Demenzen führen dazu, dass alltägliche Aktivitäten nicht mehr eigenständig durchgeführt werden können. Experten schätzen, dass sich die Zahl von Betroffenen in den nächsten 30 Jahren verdoppelt. Grund dafür ist, dass das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, mit zunehmendem Alter steigt. Leidet im Alter zwischen 65 und 69 Jahren nur jeder Zwanzigste an einer Demenz, ist zwischen 80 und 90 schon fast jeder Dritte betroffen. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, rechnen Mediziner im Jahr 2050 mit rund drei Millionen Betroffenen, sofern kein Durchbruch in der Therapie gelingt.

Experten schätzen, dass sich die Zahl von Alzheimer-Betroffenen in den nächsten 30 Jahren verdoppelt.

Alzheimer oder Demenz?

Die meisten Menschen denken bei einer Gedächtnisstörung an Alzheimer. „Dies liegt daran, dass eine Gedächtnisstörung ein stark ausgeprägtes Symptom bei der Erkrankung Morbus Alzheimer ist“, weiß Univ.-Prof. Dr. med. Jörg B. Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen. Neben der Alzheimer-Demenz gibt es allerdings zahlreiche weitere Demenzformen. Gemeinsam ist den meisten, dass sie durch Krankheiten des Gehirns hervorgerufen werden, bei denen Nervenzellen allmählich verloren gehen. Mediziner sprechen von sogenannten neurodegenerativen Krankheiten. Die Hälfte bis zwei Drittel aller Demenzen werden dabei durch eine Alzheimer-Erkrankung hervorgerufen, sind also Alzheimer-Demenzen.

„Zum Krankheitsbild von Alzheimer gehört allerdings mehr als eine Gedächtnisstörung“, erklärt der Neurologe. „Charakteristisch für diese Erkrankung sind auch Störungen des Denk- und Urteilsvermögens, Wahrnehmungs- und Sprachstörungen und eine Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, die mehr als für das Alter gewöhnlich ist. Häufig ändert sich auch das Verhalten grundlegend. Die Persönlichkeit bleibt allerdings bei der Alzheimer-Krankheit lange erhalten.“ Diese Störungen sind bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt und nehmen im Verlauf der Erkrankung zu. Sie machen die Bewältigung des Alltagslebens immer schwieriger. Während im Anfangsstadium lediglich erste geistige Defizite auftreten, die Betroffene vergesslich sein lassen, verlieren sie im Krankheitsverlauf zunehmend die Selbstständigkeit. Sie erkennen Familienangehörige nicht wieder und vernachlässigen die eigene Hygiene, bis sie im fortgeschrittenen Stadium komplett die Alltagskompetenz verlieren und in eine völlige Pflegeabhängigkeit geraten.

Der Umgang mit Alzheimer stellt sowohl Betroffene als auch Angehörige vor große Herausforderungen. Hilfestellung leisten Beratungsangebote wie die Veranstaltungsreihe „Psychoedukation“. Informationen zur Psychoedukation sowie zur Gedächtnisambulanz an der Uniklinik RWTH Aachen finden Sie hier.

Wer erkrankt?

Die Ursache von Alzheimer ist das Absterben von Gehirnzellen in spezifischen Gehirnregionen. Das kann durch die Schrumpfung dieser Gehirnregion in der Kernspintomografie erkennbar werden. Wie es dazu kommt, können Forscher allerdings bis heute nicht vollständig klären. Wer erkrankt, ist nicht sicher vorhersagbar. Erstmalig hat vor 110 Jahren der deutsche Arzt Alois Alzheimer die zellulären Veränderungen im Gehirn eines Patienten beschrieben. Heute weiß man, dass diese Veränderungen durch die Ablagerung zweier verschiedener Eiweiße hervorgerufen werden. „Die ersten Veränderungen entstehen aber bereits 15 bis 20 Jahre, bevor die Erkrankung sich durch Gedächtnisstörungen bemerkbar macht. Es gibt also eine lange Vorlaufzeit, im Fachjargon spricht man vom Prodromalstadium der Erkrankung“, erklärt Prof. Schulz. Die Eiweißprodukte behindern vermutlich die Reizübertragung zwischen den Nervenzellen, die für Lernprozesse, Orientierung und Gedächtnisleistungen unerlässlich ist.

Alzheimer macht die Bewältigung des Alltagslebens immer schwieriger. Im Krankheitsverlauf
verlieren Betroffene zunehmend ihre Selbstständigkeit. (© ArTo / Fotolia)

Geheilt werden kann Morbus Alzheimer bislang nicht. Wissenschaftler suchen allerdings mit Hochdruck nach Heilungs- und weiteren Therapiemöglichkeiten. An der Uniklinik RWTH Aachen testen die Neurologen beispielsweise aktuell einen Impfstoff gegen Alzheimer. Wegen der langen Prodromalphase wird dieser vermutlich nur wirken, wenn er früh im Erkrankungsverlauf angewendet wird. Daher sind die Früherkennung und richtige Diagnose heute von herausragender Bedeutung. „Im Rahmen der Alzheimer-Therapie versuchen wir, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Mit den heute verfügbaren Medikamenten können wir den Krankheitsverlauf in den meisten Fällen verzögern und durch die Gabe von Antidementiva positiv beeinflussen. Unser höchstes Ziel ist es, Betroffenen möglichst lange ihre Lebensqualität und Selbstbestimmtheit zu erhalten“, erläutert Fachmann Prof. Schulz.

Besonders wichtig ist die Prävention. Dazu gehören vor allem gesunde Lebensstilfaktoren: regelmäßige körperliche Aktivität – das heißt zwei- bis dreimal pro Woche ein 30- bis 60-minütiger Spaziergang in zügigem Tempo –; wenn vorhanden eine gute Behandlung eines Bluthochdrucks, eines Diabetes oder einer Fettstoffwechselstörung; eine ausgewogene Ernährung mit einem hohen Anteil an Gemüse, Obst, Fisch, ungesättigten Fettsäuren, zum Beispiel Olivenöl, Nüssen, Ballaststoffen und Vermeidung von rotem Fleisch und übermäßigem Alkoholkonsum; regelmäßige soziale Kontakte und geistige Aktivität, beispielsweise durch die aktive Teilnahme an Diskussionen oder die Wiedergabe von Gelesenem.

Alzheimer oder Demenz? Die Begriffe Alzheimer und Demenz werden häufig synonym verwendet, dabei ist Demenz keine Erkrankung an sich, sondern ein Syndrom. Die Unklarheit bei der Abgrenzung löst die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD 10) auf: „Demenz (F00-F03) ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf. Dieses Syndrom kommt bei Alzheimer-Krankheit, bei zerebrovaskulären Störungen und bei anderen Zustandsbildern vor, die primär oder sekundär das Gehirn betreffen.“

Die Früherkennung und richtige Diagnose sind von herausragender Bedeutung.

Alzheimer erkennen

Um den Krankheitsverlauf nach Möglichkeit positiv zu beeinflussen, ist eine frühzeitige Diagnose der Erkrankung wichtig. Da Alzheimer-Betroffene nur in seltenen Fällen jünger als 60 Jahre sind, ist der größte Risiko­faktor für die Entwicklung einer Alzheimer-Krankheit das Alter. Es kann in höheren Lebensjahren allerdings auch andere Gründe haben, fahrig zu sein. Dabei lässt sich eine Demenz oftmals gut von altersbedingter Vergesslichkeit unterscheiden. Während der altersvergessliche Mensch mitunter vergessen mag, die Herdplatte vor Verlassen des Hauses auszuschalten, vergisst der Demenzkranke darüber hinaus, dass er überhaupt hatte kochen wollen. Alzheimer geht über eine normale Vergesslichkeit hinaus. „Wer häufig und über längere Zeit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzen­tration oder der Orientierung bemerkt – man kann sich beispielsweise nicht mehr erinnern, einen bestimmten Termin überhaupt vereinbart zu haben, oder man findet sich in neuen Umgebungen wesentlich schlechter zurecht als früher –, der sollte einen Arzt aufsuchen“, empfiehlt Prof. Schulz. Auch bei stärkeren Schwankungen der Stimmungslage und geistigen Fähigkeiten ist es ratsam, einen Arzt zu kontaktieren. „Die Symptome können zwar ganz verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel Stress oder eine Depression, und müssen nicht unbedingt im Zusammenhang mit einer Demenz stehen. In jedem Fall empfiehlt sich aber die Beratung durch einen Mediziner“, rät der Experte.

Erfahrene Ärzte können Alzheimer meist mit einfachen Mitteln erkennen. Hinweise auf eine Demenz bekommt der Arzt durch die Schilderung der typischen Beschwerden, das Auftreten des Betroffenen und eine sorgfältige Untersuchung mit neuropsychologischen Tests, aber auch durch bildgebende Verfahren im Bereich des Gehirns oder eine Nervenwasseruntersuchung. Hilfreich können zudem Schilderungen von Familienangehörigen oder Bekannten sein, die Veränderungen an der Persönlichkeit feststellen. Wichtig ist also, die Augen offen zu halten – bei sich selbst und bei Freunden oder der Familie. Nur wenn die Erkrankung erkannt ist, können Betroffene entsprechende Hilfe bekommen.


Mehr erfahren

  • Umfassende Informationen sowie hilfreiche Tipps und Adressen zum Thema Demenz und Alzheimer finden Sie auf der Website der Deutschen Alzheimer Gesellschaft:
    www.deutsche-alzheimer.de
  • Neu ist ein Angebot für Menschen mit Migrationshintergrund – in türkischer, polnischer und russischer Sprache: www.demenz-und-migration.de