Wenn die Bewegungen weniger werden

Die Parkinson-Krankheit ist neben der Alzheimer-Demenz eine der häufigsten fortschreitenden Erkrankungen des zentralen Nervensystems im höheren Lebensalter. Die Therapiemöglichkeiten verbessern sich seit Jahren, doch die größte Herausforderung bleibt die Diagnose an sich.

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Es können Beschwerden im Nacken- und Lendenwirbelbereich, aber auch diffuse Rückenschmerzen oder einseitige Muskelverspannungen in der Schulter-Arm-Region sein. Die Schritte können etwas kleiner und die Sprache etwas leiser werden. Im Frühstadium der Parkinson-Erkrankung sind die Symptome oft so unspezifisch und wenig charakteristisch, dass viele Ursachen dahinterstecken können. Teilweise klagen Betroffene über Gehbeschwerden und ermüden schnell, Angehörige bemerken ein vermindertes Mitschwingen eines Arms.

In über 80 Prozent der Fälle tritt die Parkinson-Krankheit ohne erkennbare Ursache auf. Im Fachjargon spricht man von einem idiopathischen Parkinson-Syndrom. „Für Mediziner ist es daher oft nicht leicht, bereits im Frühstadium die Syndrome richtig zu deuten und mit der Diagnose Parkinson Zusammenhang zu bringen“, erklärt Univ.-Prof. Dr. med. Jörg B. Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen. „Möglicherweise zieht der Arzt diese Diagnose zunächst gar nicht in Betracht, wenn der Patient von seinen Beschwerden berichtet.“

Steter Verlust von Nervenzellen
Auch wenn die Ursache für eine Erkrankung an Morbus Parkinson Wissenschaftler noch immer vor ein Rätsel stellt, steht fest, dass Parkinson mit einem Mangel am Botenstoff Dopamin im Gehirn einhergeht. Dieser Mangel kommt zustande, weil immer mehr dopaminhaltige Nervenzellen im Gehirn – aus bislang ungeklärten Gründen – absterben. Das Dopamin sorgt normalerweise dafür, dass elektrische Impulse von einer Nervenzelle an die andere weitergeleitet werden. Ist zu wenig Dopamin vorhanden – wie es bei Parkinson der Fall ist –, ist dieser Prozess gestört und wichtige Informationen zu den Muskelbewegungen können nicht mehr von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergegeben werden. Dadurch treten die typischen Symptome auf: Betroffene bewegen sich verlangsamt und entwickeln eine Bewegungsarmut. Durch den Dopaminmangel verschiebt sich auch das Gleichgewicht anderer Botenstoffe, was wiederum zu weiteren Beschwerden führt. Zu viel Acetylcholin führt zum Beispiel zu Symptomen wie dem Tremor und Muskelsteifheit.

Schleichende Erkrankung

Wer von Parkinson spricht, meint damit in der Regel den Morbus Parkinson – auch Parkinson-Erkrankung genannt. Etwa 75 Prozent der Menschen mit einem Parkinson-Syndrom erhalten diese Diagnose. Während in den meisten Fällen die Parkinson-Krankheit sporadisch auftritt, wurden in den letzten Jahren auch vermehrt genetische, vererbliche Formen identifiziert, vor allem bei Patienten mit einem sehr frühen Erkrankungsbeginn. Während Patienten mit einer klassischen Parkinson-Krankheit und den meisten erblichen Formen sehr gut auf eine Therapie ansprechen, gilt das nicht für sogenannte atypische Parkinson-Syndrome, die diagnostisch abgegrenzt werden müssen.

Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet dann zeitlebens voran.

Von der Parkinson-Erkrankung hingegen sind vor allem ältere Menschen betroffen: Die meisten Patienten erkranken zwischen dem 50. und 79. Lebensjahr. „Das zeigt sich in erster Linie in Störungen der Beweglichkeit und des Bewegungsablaufs. Typische Symptome sind Zittern, das in Ruhe auftritt, versteifte Muskeln, eine gestörte Stabilität der Körperhaltung und verlangsamte Bewegungen“, so Prof. Dr. med. Björn Falkenburger, Oberarzt und Leiter der Ambulanz für Bewegungsstörungen an der Aachener Uniklinik. In den letzten Jahren wurde allerdings klar, dass zum Teil Jahre, gar Jahrzehnte vor diesen motorischen  Symptomen erste Anzeichen auftreten, die zunächst nicht mit einer Parkinson-Erkrankung in Verbindung gebracht werden. Zu den Symptomen zählen Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen, Riechstörungen, depressive Verstimmung oder ein Blutdruckabfall beim raschen Aufstehen. Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort. Häufig treten geistige Einschränkungen im fortgeschrittenen Stadium einer Parkinson-Krankheit auf. Sie betreffen vor allem die Schnelligkeit der Denkabläufe. Erst im Spätstadium bildet sich bei einem Teil der Betroffenen eine Demenz heraus. Wichtig ist vor allem ein zeitnahes Einschreiten, weiß Prof. Falkenburger: „Mit einer frühzeitigen Therapie kann die Lebensqualität von Betroffenen in der Regel deutlich gesteigert werden. Da der Parkinson im eigentlichen Sinne nicht heilbar, also nicht rückgängig zu machen ist, bedarf es einer lebenslangen Therapie. Für eine stadiengerechte Therapie stehen zahlreiche medikamentöse Optionen und mit der Tiefen Hirnstimulation, die exzellente Ergebnisse in frühen und späten Stadien der Erkrankung zeigt, auch eine operative Option zur Verfügung. Die Tiefe Hirnstimulation zeigt meist bessere Effekte als die medikamentöse Einstellung und hilft, Medikamente zu vermeiden.

Hilfe für Betroffene

Wichtig für die Diagnose Morbus Parkinson ist zum einen das  Gespräch beim Arzt und zum anderen die körperlich-neurologische Untersuchung. Weiterführende Untersuchungen dienen in erster Linie dazu, andere Gründe für die Symptome auszuschließen. Spezialisierte Einrichtungen wie die Ambulanz für Parkinson-Syndrome und Bewegungsstörungen an der Uniklinik RWTH Aachen sind dabei von

grundlegender Bedeutung. „An der Klinik für Neurologie sind wir im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen unter anderem auf die diagnostische Einordnung von Parkinson-Syndromen und Bewegungsstörungen spezialisiert, insbesondere im Bereich der Frühdiagnostik und Initialtherapie der Parkinson-Krankheit. Gerade am Anfang ist es wichtig, keine Zeit zu verlieren. Wir leiten bei Verdacht auf Parkinson diverse Untersuchungen und Analysen ein, beraten und führen komplexe Therapien durch“, erläutert Klinikdirektor Prof. Schulz. Patienten können dadurch, wenngleich noch kein Heilmittel gefunden wurde, in der Regel relativ gut mit der Erkrankung leben.

Lichtblick für Betroffene bleibt die Forschung: Um die Zukunftsaussichten bei der Diagnose Morbus Parkinson weiter zu verbessern, versuchen Wissenschaftler, unser komplexes Nervensystem immer genauer zu entschlüsseln – auch an der Uniklinik RWTH Aachen.

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Wie erkenne ich Morbus Parkinson?
Anfangs sind die Symptome von Parkinson wenig charakteristisch und es treten noch keine Bewegungsstörungen auf. Die Beschwerden im Frühstadium können an eine rheumatische Erkrankung erinnern: Betroffene leiden beispielsweise an schmerzhaften, überwiegend einseitigen Muskelverspannungen der Schulter-Arm-Region. Weitere unspezifische Symptome können Riechstörungen, Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen, Müdigkeit, depressive Verstimmungen, plötzliche Schweißausbrüche, Verstopfung oder innere Unruhe sowie Schlafstörungen sein.
Im weiteren Verlauf von Morbus Parkinson zeichnen sich erste Bewegungsstörungen ab, die sich zunächst kaum auf das Alltagsleben auswirken. Mit der Zeit fällt es Betroffenen jedoch zunehmend schwerer, feinmotorische Tätigkeiten wie Schreiben, Kämmen, Zähneputzen oder das Zuknöpfen einer Hose zu bewältigen. Die Abstimmung mehrerer Bewegungen wird zum Problem.
Bereits im Frühstadium kann Parkinson das Erscheinungsbild beeinflussen: Der Gang ändert sich – Menschen mit Morbus Parkinson bewegen sich in kleinen Schritten und vornübergebeugt voran – und die Arme schwingen weniger mit, anfangs besonders nur auf einer Seite. Zudem erstarrt die Gesichtsmimik sukzessive und die Stimme kann etwas leiser werden. Zeitweilig zittern die Hände in Ruhe. Die Handschrift wird nach und nach kleiner und unleserlicher.
Wenn die Parkinson-Erkrankung weiter fortgeschritten ist, treten nicht nur die typischen verlangsamten Bewegungen auf, auch die Muskeln versteifen zunehmend. Schnelle Bewegungen sind nicht mehr möglich. Betroffenen fällt es zum Beispiel schwer, rasch loszugehen oder abrupt abzubremsen; das Gehen und Stehen stellt eine immer größere Herausforderung dar. Außerdem wird die Körperhaltung sukzessive instabil, sodass Betroffene leichter hinfallen. Im Gegensatz zu Patienten mit atypischen Parkinson-Syndromen sind Patienten mit einer klassischen Parkinson-Krankheit eher selten im Spätstadium auf den Rollstuhl angewiesen. Ein Zittern, der sogenannte Tremor, kann früh im Erkrankungsverlauf auftreten, zum Teil auch das erste motorische Zeichen sein. Der Nachweis eines Zitterns ist für die Diagnose einer Parkinson-Krankheit allerdings nicht zwingend.