Eltern, die auf Smartphones starren

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„Noch 148 Mails checken …“ hat Tim Bendzko bereits 2011 in seinem Hit „Nur noch kurz die Welt retten“ gesungen. Diese Liedzeile ist mittlerweile bei vielen Müttern und Vätern Programm – sie sind immer auf Empfang. Egal, ob E-Mails, WhatsApp-Nachrichten oder YouTube-­Tutorials im Fokus des Interesses stehen: Ständiger Handy-­Konsum der Eltern kann Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit von Babys und Kleinkindern haben. Das sagt Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Kerstin Konrad von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Uniklinik RWTH Aachen. Als Leiterin der Arbeitsgruppe „Klinische Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters“ erforscht sie neuropsychiatrische Erkrankungen wie stressbedingte Störungen, Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) oder Autismus-Spektrum-Störungen bei Kindern und Jugendlichen.

Ungestörte Momente der Interaktion

Forschungsarbeiten zu den Auswirkungen der Handynutzung von Eltern auf ihre Kinder seien rar gesät, doch einige wenige Studien in diesem Bereich gebe es, sagt Prof. Konrad. So haben beispielsweise New Yorker Forscher die Auswirkungen der elterlichen Handynutzung mithilfe eines bekannten entwicklungs­psychologischen Experiments untersucht. „Beim sogenannten Still-Face-Experiment fordern Forscher die Mutter oder den Vater auf, mit plötzlich ‚versteinertem Gesicht‘ nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Die Babys geraten daraufhin in großen Stress und versuchen mit Strampeln, Armwedeln und Weinen, die Zuwendung der Eltern wiederzubekommen. Diese ‚Still-Face‘-Bedingung ist ungefähr vergleichbar mit der Situation, wenn Eltern auf ihr Smartphone starren und zeitweise die Interaktion mit ihren Kindern komplett unterbrechen. Interessanterweise war die Verunsicherung der Kinder in der New Yorker Studie umso größer, je häufiger die Eltern im Alltag ihr Smartphone benutzten“, so Prof. Konrad.

Die Erklärung für das Verhalten liegt in der Unterbrechung der sozialen Wechselseitigkeit in der Eltern-Kind-Interaktion und insbesondere im fehlenden Blickkontakt, den Babys und Kleinkinder dringend als Basis zur Bindung benötigen. Vor allem für sehr junge Kinder ist es äußerst wichtig, dass sie unmittelbar auf ihr Verhalten, also zeitnah eine elterliche Reaktion erhalten. Die Mimik der Eltern, ihre emotionale Reaktion und ihr Blickkontakt vermitteln den Kleinen Geborgenheit, Zuwendung, Zärtlichkeit und Bestätigung, wie die Neuropsychologin weiß: „Kinder spiegeln sich im Gegenüber und können so ein Gefühl für sich selbst entwickeln. Wenn Eltern ihrem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken und es anlächeln, spürt es die Freude der Eltern und dadurch die eigene Freude. Beim ständigen Blick aufs Smartphone fällt dieser wichtige Aspekt weg.“

Gut zu wissen:
Wie können blind geborene Kinder eine sichere Bindung entwickeln, wenn der Blickkontakt so wichtig ist? Das gelingt, weil bei den Babys typischerweise andere Sinne besonders empfindsam ausgeprägt sind. Hier geht es insbesondere um das Hören und das Fühlen. Auch der Körperkontakt spielt eine sehr große Rolle.

Allerdings, so räumt die Kinder- und Jugendpsychologin ein, sei nicht per se die Nutzung eines Smartphones das Problem, sondern vielmehr die Ablenkung von der Interaktion mit dem Kind und die für das Kind unberechenbare, plötzliche Nicht-Verfügbarkeit der elterlichen Reaktionen. Die Expertin plädiert daher grundsätzlich dafür, möglichst viele ungestörte Momente der Interaktion mit dem Kind im Alltag einzubauen vor allen Dingen in den ersten drei Lebensjahren. „Für die Hirnreifung ist diese Phase ganz entscheidend“, betont sie.

Gesunder Mittelweg

Eltern-Bash­ing liegt Prof. Konrad, selbst Mutter von drei Kindern, fern. Auf keinen Fall wolle sie die Eltern stigmatisieren oder das Smartphone verteufeln. „Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und bringen viele Vorteile mit sich. Das haben wir gerade erst während der Corona-Pandemie gesehen, wo Eltern wegen Homeoffice und Homeschooling mehr denn je darauf angewiesen waren.“ Trotzdem rät die Expertin für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu einem gesunden Mittelweg: „Mein Vorschlag wäre: Beim Essen, Spazieren­gehen oder auf dem Spielplatz das Smartphone in der Tasche lassen. Damit ist auf jeden Fall ein guter Anfang gemacht.“

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