Neurodermitis: Wenn der Juckreiz zur Qual wird

Die durch eine Überreaktion des Immunsystems verursachte Hautkrankheit Neurodermitis ist zwar nicht ansteckend, aber chronisch und geht meist mit starkem Juckreiz einher. Nicht nur Kinder und Jugendliche leiden unter den Qualen dieser entzündlichen Erkrankung, auch Erwachsene und Senioren sind betroffen. Die Diagnose und insbesondere die effektive und möglichst nebenwirkungsarme Behandlung ist und bleibt eine Herausforderung. Mit apropos spricht Haut­experte Prof. Dr. med. Jens Malte Baron, Stellvertretender Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik an der Uniklinik RWTH Aachen, über Ursachen, Anzeichen und Therapie von Neurodermitis.

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Die eine klagt über extrem trockene, gerötete Haut, der andere leidet an stark juckendem Hautauschlag oder eingerissenen Mundwinkeln. So vielfältig die Beschwerden sind, so unterschiedlich sind auch die Ursachen von Neurodermitis. „Beim Ausbruch der Neurodermitis, die wir auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem nennen, wirken zahlreiche Faktoren zusammen, die individuell sehr verschieden sein können und zum Teil noch nicht vollständig verstanden sind“, erklärt Prof. Baron.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Betroffene aufgrund einer Kombination von genetischer Veranlagung und bestimmter Triggerfaktoren Ekzeme entwickeln. „Es wurden Gene identifiziert, die zur Entstehung der Neurodermitis beitragen. Wer die Neigung zu einer Überempfindlichkeit seiner Immunabwehr geerbt hat, leidet oftmals auch an extrem trockener Haut, da die natürliche Barrierefunktion gestört ist und die Haut sich somit nicht mehr ausreichend vor Umwelteinflüssen schützen kann“, erklärt der Allergologe. Bakterien, Viren und Allergene können leichter eintreten, was zu Infektionen führt und eine Entzündung fördert.

Neurodermitis-Schübe führen zu einem Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen.

Einflussfaktoren und Auslöser

Doch die Veranlagung allein entscheidet nicht über den Verlauf der Erkrankung. Kommen ungünstige Umwelteinflüsse hinzu und greifen mehrere Mechanismen ineinander, können Schübe ausgelöst werden. „Das können ganz unterschiedliche Reize sein, beispielsweise Umweltallergene, aber auch nicht-immunologische Ursachen wie eine gestörte Feuchtigkeitsversorgung der Haut, Klimafaktoren, ungeeignete Kleidung, Schadstoffe oder auch psychischer Stress.“

Die Liste der Triggerfaktoren, die einen Neurodermitis-Schub begünstigen und auslösen können, ist lang. Dabei entsteht ein Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen, denn durch das Kratzen werden Hautzellen geschädigt, die wieder neue juckreiz­auslösende Botenstoffe an die Haut abgeben. Die Schübe werden bei vielen Patienten im Laufe des Lebens zwar oftmals leichter und auch seltener, doch die Veranlagung für die Überempfindlichkeit von Haut und Schleimhaut bleibt meist ein Leben lang bestehen. Umgekehrt kann bei einigen Patienten die Neurodermitis auch erst in späteren Jahren erstmals auftreten oder sich verschlechtern, da sich mit fortschreitendem Alter die Haut verändert, die Barrierefunktion nachlässt und die Haut trockener und anfälliger für Reize wird.

Zu viel Hygiene?

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Zahl der Neurodermitis-Fälle in der westlichen Welt stark zugenommen. Mediziner vermuten, dass ein Wandel der Lebensweise dafür mitverantwortlich ist. „Es gibt die Theorie, dass heutzutage Kinder viel seltener in Kontakt mit potenziell krankmachenden und allergieauslösenden Stoffen aus der Umwelt kommen. Das Immunsystem wird nicht mehr ausreichend gefordert und reagiert deshalb auf eigentlich harmlose Reize mit einer starken Abwehr. Auch die Waschgewohnheiten haben sich geändert. Häufiges und gründliches Reinigen der Haut strapaziert die Hautbarriere“, erklärt Prof. Baron.

Wie äußert sich Neurodermitis?

Generell gilt, dass das Krankheitsbild individuell und alters­abhängig verschieden ist. „Typische Symptome sind trockene Haut mit geröteten entzündeten Stellen, sogenannten Ekzemen, die meist sehr stark jucken, eine flächenhafte Verdickung und Vergröberung der Haut sowie Knötchen und Pusteln“, so der Hautexperte. Auch die betroffenen Hautstellen variieren je nach Lebensalter: Während im Säuglingsalter juckende Rötungen der Haut, eventuell mit Krustenbildung, vor allem auf dem Kopf („Milchschorf“), im Gesicht sowie an den Streckseiten der Arme und Beine auftreten, zeigen sich die Symptome bei Kindern und Jugendlichen eher an den Gelenkbeugen, an Hals und Nacken, an den Handgelenken und Händen. Bei Erwachsenen ist das Befallsmuster ähnlich, hinzu kommen oft noch stark juckende Knötchen.

Die Veranlagung für atopische Ekzeme tragen Betroffene ein Leben lang.

Verlauf

Neurodermitis beginnt sehr oft in der frühen Kindheit und bei manchen Patienten verschwindet die Neurodermitis nach wenigen Jahren dauerhaft. Andere Neurodermitis-Patienten haben lebenslang Symptome und bei wieder anderen zeigen sich nach einer frühen Neurodermitis-Erkrankung und einer Phase der Beschwerdefreiheit in der Pubertät im Erwachsenenalter plötzlich erneut Ekzeme.

Aktuelle Studien haben gezeigt, dass der Anteil der erwachsenen Patienten, die an Neurodermitis leiden, deutlich höher ist als bisher angenommen. Dabei handelt es sich nicht immer um die typischen Neurodermitis-Ekzeme an den Ellenbeugen oder Kniekehlen – auch an den Händen kann bei Erwachsenen ein sogenanntes atopisches Handekzem auftreten.

Nicht heilbar, aber immer besser behandelbar

Die Veranlagung für atopische Ekzeme tragen Betroffene ein Leben lang. Neurodermitis ist somit nicht heilbar, aber bei den meisten Patienten gut zu behandeln. „Wichtig ist dabei, ein Stufenschema zur Behandlung der atopischen Dermatitis zu berücksichtigen. Die Grundlage stellt hierbei die Basistherapie mit pflegenden Salben und Cremes dar. Diese sollten – wie unsere eigenen Untersuchungen zeigen – möglichst sogenannte Ceramide beinhalten. Das sind Fette, die einen wichtigen Baustein unserer Hautbarriere darstellen“, so Prof. Baron. In Ergänzung zur Basistherapie werden Kortison- und andere wirkstoffhaltige Salben eingesetzt. Nur bei schweren Verlaufsformen ist eine systemische immunmodulierende Therapie oder eine Phototherapie mit UV-Licht notwendig.

„Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, unter anderem unter Beteiligung der Uniklinik RWTH Aachen, wie beispielsweise zur Bedeutung des Botenstoffes IL-31 bei der Neurodermitis“, so Prof. Baron, „führen aktuell zur Entwicklung von zahlreichen neuen topischen oder systemischen Medikamenten, die zurzeit in zahlreichen klinischen Studien getestet werden.“


Neurodermitis in Zahlen:

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  • In Deutschland hat fast jedes 4. Baby oder Kleinkind Neurodermitis.
  • Weltweit leiden schätzungsweise 3 Prozent der Erwachsenen an Neurodermitis.
  • Allein in Deutschland sind über 3 Millionen Erwachsene von der Erkrankung betroffen.
  • Neurodermitis kommt bei Männern und Frauen etwa gleich häufig vor.