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Chirurgie-Chef der Uniklinik RWTH Aachen im Interview

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Seit über zehn Jahren ist Univ.-Prof. Dr. med. Ulf Peter Neumann Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen, eine der größten Fachkliniken im Haus. Über 35 Ärztinnen und Ärzte und rund 45 Mitarbeitende in Pflege- und Funktions­dienst umfasst das Team der Klinik. Seit Anfang 2016 ist Prof. Neumann zusätzlich Leiter der Chirurgie des Universitätsklinikums in Maastricht (UMC+ Maastricht), Niederlande. Der Chirurg gilt bundesweit als ausgewiesener Experte für Lebertransplantationen. Darüber hinaus gehört die onkologische Chirurgie zu seinen Kernkompetenzen, etwa das Operieren von Leber-, Darm- oder Bauspeicheldrüsen­tumoren. Im Gespräch mit apropos wirft er einen Blick auf seine Arbeit.

Herr Prof. Neumann, Sie sind jetzt seit über zehn Jahren in Aachen. Wie haben sich Ihr Fach und die Klinik seither verändert?
Prof. Neumann: Wir sind gewachsen und haben unser Arbeitsgebiet deutlich erweitert. Unsere Chirurgie ist eines der größten viszeralchirurgischen Zentren in Nordrhein-Westfalen, zusammen mit der Chirurgie in Maastricht gehören wir sogar zu den bundesweit größten chirurgischen Abteilungen. Der Schwerpunkt liegt in der onkologischen Bauchchirurgie mit besonderer Expertise im Bereich der Leber- und Bauchspeicheldrüsenchirurgie. Im Jahr führen wir in Aachen rund 3.000 stationäre und ambulante Eingriffe durch. In unseren vier Operations­sälen steht uns die neueste Technik zur Verfügung. Einen besonderen Stellenwert in unserer Abteilung nimmt das 2010 gegründete Lebertransplantationsprogramm ein. Bisher konnten wir über 460 Patienten transplantieren und in ein „neues Leben“ begleiten. Zusätzlich hat unsere Klinik seit 2016 die Verantwortung für die Nierentransplantationen übernommen. Seitdem bieten wir sowohl die Leber- als auch die Nierentransplantation als Lebend- oder Leichenspende an. In den letzten Jahren spielen aber auch die chirurgischen Maßnahmen zur Behandlung von Übergewicht, die Chirurgie von Weichteilgeweben oder des Bauchfells sowie die Kinderchirurgie eine immer größere Rolle.

Das klingt nach tiefgreifenden Veränderungen. Was ist aus Ihrer Sicht konstant geblieben?
Prof. Neumann: Die Allgemeinchirurgie hat im Verbund mit der Viszeralchirurgie unter den chirurgischen Spezialisierungen nach wie vor das größte Behandlungsvolumen, Innovationen sind daher eher die Regel als die Ausnahme. Aber trotz aller neuen Verfahren und des Einzugs moder­ner Robotik: Die Chirurgie ist nach wie vor ein Fach, in dem körperlicher Einsatz nötig ist. Es ist teilweise sehr handwerklich, man braucht Energie und die nötige Feinmotorik. Je nach Operation muss man lange stehen – bis zu acht oder zehn Stunden sind keine Seltenheit. Parallel zur Konzentration, die man für die eigentliche Operation benötigt – richtige Schnittsetzung, das Zurechtfinden mit sehr individuellen anatomischen Gegebenheiten –, muss man oft viel Kraft aufwenden und schnell Entscheidungen treffen können.

Univ.-Prof. Dr. med. Ulf Peter Neumann

Sie waren lange Jahre in Berlin tätig. Welche Vorteile bietet der Standort in Aachen?
Prof. Neumann: Ich beschäftige mich ja schon lange mit Leber- und Pankreaschirurgie. Gerade dafür bietet Aachen beste Voraussetzungen. In der gesamten Uniklinik gibt es einen klinischen Schwerpunkt und einen Forschungsschwerpunkt im Bereich der Leber- und Pankreaserkrankungen, was uns in der Hepatobiliären Chirurgie sehr entgegenkommt. Weiterhin schätze ich die Tatsache, dass in Aachen alles kompakt in einem Haus angeordnet ist. Was auf den ersten Blick wuchtig erscheinen mag, ist für die Behandlung sehr hilfreich. Die Wege in andere Fachabteilungen sind für die Patienten wie auch für die ärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz – buchstäblich und im übertragenen Sinn. Ein weiterer Vorteil ist die Nähe zur RWTH, die uns gerade bei Herausforderungen im Bereich der Digitalisierung, etwa bei telemedizinischen Aspekten, Datenmanagement, aber auch bei der Interpretation von Daten gut unterstützen kann.

Welche Rolle spielt die Größe eines Zentrums für die chirurgische Qualität?
Prof. Neumann: Das ist ein zentraler Aspekt. Es gibt mittlerweile einige Studien, die gut belegen, dass die Größe eines Zentrums neben der Erfahrung des Chirurgen ausschlaggebend für das Behandlungsergebnis ist. Das liegt zum einen daran, dass Chirurgen hier sehr häufig Patienten mit bestimmten Erkrankungen behandeln. Durch die damit einhergehende große Erfahrung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass man schneller und besser auf auftretende Komplikationen reagieren kann. Die Teams sind zudem optimal eingearbeitet und abgestimmt, was ich sehr wichtig finde. Ein großes Zentrum muss außerdem rund um die Uhr eine ausreichende Infrastruktur vorhalten, ein zentraler Faktor für die Behandlungsqualität.

Also schlechte Zeiten für kleine chirurgische Kliniken?
Prof. Neumann: Nein, es ist eben ein anderes Aufgabenspektrum. Ich würde eher von einer Arbeitsteilung im Rahmen einer abgestuften Versorgung sprechen. Mit bestimmten, komplexen Erkrankungen sind Patienten in einem großen chirurgischen Zentrum aufgrund der Expertise besser aufgehoben, in anderen Fällen braucht es auch eine wohnortnahe Versorgung. Deshalb kooperieren wir eng und haben beispielsweise das Westdeutsche Leberzentrum ins Leben gerufen. Der Verbund umfasst Krankenhäuser von Erkelenz bis nach Dortmund und Wuppertal. Wir haben schnell festgestellt, dass wir durch den gemeinsamen telemedizinischen Austausch die Festlegung der Therapie­konzepte maßgeblich verbessern können. Wir können so Kompetenzen besser austauschen, voneinander lernen und die Einführung neuer Verfahren vereinfachen. Denn es gilt: Kein Fall ist wie der andere. Für alle unsere Patienten erheben wir den Anspruch, ein individualisiertes Behandlungskonzept zu entwerfen. Das wird auch so bleiben.

Sie sind in Aachen und Maastricht intensiv eingebunden und übernehmen vielfältige organisatorische Aufgaben. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?
Prof. Neumann: Das ist tatsächlich ein Problem. Ich bemühe mich zunehmend – gerade jetzt, wo meine Kinder älter werden –, ausreichend Zeit für die Familie zu haben, ohne dabei den Beruf zu vernachlässigen. Das gelingt mir auch dank meines tollen Teams zunehmend häufiger. Ganz einfach ist es allerdings nicht.