Buchtipp: Schnitt! Eine kleine und amüsante Geschichte der Chirurgie

Chirurgen? Ja, die machen stets einen guten Schnitt, heißt es im Volksmund. Aber wer kann das schon so sicher sagen? Man kann sich ja schlecht ein Bild über die Arbeit der Operateure machen, denn die meisten Menschen sind nicht bei Bewusstsein, wenn sie ihnen mal leibhaftig begegnen. Aber wie wurde die Chirurgie, was sie ist? Wer waren die ersten Heroen, die sich – mehr oder weniger freiwillig – in die Hände der ersten „Aufschneider“ begaben? Dieser gut verständliche Abriss der Chirurgie-Geschichte ist facettenreich – und überraschend kurzweilig geschrieben.

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Schon aus der Steinzeit sind chirurgische Eingriffe nachgewiesen, die von den Patienten überlebt wurden. Diese Kunst war offenbar nicht nur auf den Homo sapiens beschränkt: Ein etwa 50.000 Jahre alter Skelettfund eines männlichen Neandertalers in einer Höhle im Irak belegt eine Arm­amputation. Wer das bemerkenswert findet, demgegenüber sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die erste Äthernarkose allerdings erst im Jahr 1846 Anwendung fand. Chirurgie war in der Pionierphase also nichts für Zartbesaitete. Von den dunklen Anfangszeiten der Chirurgie, als noch ohne Betäubung amputiert wurde, über königliche Operationen bis zu den heutigen Hightech-OPs – der Chirurg Arnold van de Laar beschreibt in seinem Buch so packend wie allgemeinverständlich die Geschichte der Chirurgie.

Ohne Fachbegriffe zu scheuen, aber doch leicht lesbar und gespickt mit zahlreichen interessanten Details, gibt van de Laar einen spannenden Einblick in sein Fach. „Schnitt!“ ist eine faszinierende Reise durch die Königsdisziplin der Medizin, fesselnd erzählt von einem Kenner auf dem Gebiet der Chirurgie. Der Autor kennt das Beschriebene gewissermaßen „aus erster Hand“, er studierte Medizin in Leuven und Heidelberg. Seit 2003 arbeitet er als chirurgischer Chefarzt in Amsterdam.

Schnitt!: Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen von Arnold van de Laar ist bei Droemer erschienen und hat 434 Seiten. ISBN: 978-3629130723

In 28 Kapiteln erzählt van de Laar anhand berühmter Operationen, was genau im Operationsaal geschieht. Eingehend widmet er sich Erkrankungen und Verletzungen bekannter Persönlichkeiten wie Bob Marley, Kaiserin Sissi, Lenin, Königin Victoria, Einstein und Präsident Kennedy. Angesichts der plastischen Erzählweise des Autors macht sich hier und da ein seltsames Gefühl in der Magen­gegend breit, wenn er zum Besten gibt, wie Chirurgen früher Beine amputierten: Mit Schlachtermesser und Schaber – und ohne Narkose. Zum Glück sind solche Szenen in modernen Operationssälen unvorstellbar. Wie sich die blutigen „Massaker“ von einst zur schmerzfreien Präzisions­chirurgie von heute entwickelt haben, stellt van de Laar gekonnt im Zeitraffer dar. „Schnitt!“ besticht durch eine unterhaltende Mischung aus medizinischem Fachwissen, historischen Fakten und Anekdoten und entpuppt sich als Gewinn für alle am Thema Interessierten. Und nebenbei löst es auch eine ganze Reihe medizinischer Rätsel: Wieso wies John F. Kennedys Leiche bei zwei Durchschüssen nur drei Schusswunden auf? Weshalb schaffte es Kaiserin Sissi, ihr Schiff nach Montreux rechtzeitig zu erreichen, obwohl eine Feile ihr Herz durchbohrt hatte? Warum stand der angeschossene Papst Johannes Paul II. bei seiner Bauchoperation auf dem Kopf? Neben allerlei illustren Fällen gibt es medizinische Grundlagen zu Luftröhrenschnitt und Leistenbruch. Klingt nach prima Bettlektüre für besinnliche Stunden, denken Sie? Gern, aber bitte reichen Sie dazu ein Glas Tomatensaft …