Stomatherapie: Zwischen Pflege und psychologischer Betreuung

Jeder hat ihn, aber keiner möchte darüber sprechen: Stuhlgang. Doch spätestens dann, wenn einer der alltäglichsten Vorgänge krankheitsbedingt nicht mehr funktioniert, muss die Hemmschwelle überwunden werden. Petra Nick und ihre Kolleginnen Irene Backes, Gerda Gouders und Andrea Winkens vom Stomateam der Uniklinik RWTH Aachen wissen um die Scham und die Ängste nur zur gut. Sie helfen Menschen, die ein vorübergehendes oder dauerhaftes Entero- oder Urostoma bekommen, also einen künstlichen Darm- oder Blasenausgang. apropos hat ihnen über die Schulter geblickt.

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Ein Stückchen Normalität schenken – das ist die Aufgabe des Stomateams an der Uniklinik RWTH Aachen. Insgesamt vier Kolleginnen aus der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie sind Ansprechpartnerinnen für Patienten mit einem Stoma. Die meisten hatten Darm- oder Blasenkrebs. Vor allem bei jungen Menschen gibt es aber auch andere Indikationen, zum Beispiel chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Chron oder Colitis ulcerosa. Seltenere Ursachen sind Verletzungen oder Nervenschäden, wegen derer die Betroffenen die Kontrolle über ihren Darm oder ihre Blase verlieren. Sogar die Kleinsten der Kleinen können aufgrund einer Fehlbildung oder der Unreife ihres Darms ein Stoma benötigen.

Die Aufgaben des Stomateams liegen in der prä- und postoperativen Betreuung. Vor dem Eingriff wird das Stoma in Absprache mit Patient und Arzt an der geeigneten Stelle angezeichnet, damit der Patient die Versorgung seines Stomas künftig problemlos selbstständig übernehmen kann. Doch wie geht es nach der OP weiter? Alles, was bislang selbstverständlich war, muss neu durchdacht werden. Mit Fragen wie „Riecht der Stomabeutel unangenehm?“ oder „Kann ich noch duschen oder reisen?“ sind die Stomatherapeutinnen täglich konfrontiert – und können Ängste nehmen. „Im letzten Jahrzehnt hat sich viel auf dem Markt getan. Es gibt heute Stomasysteme, die keine unangenehmen Gerüche verursachen und sehr hautfreundlich sind“, berichtet Petra Nick, die bereits seit 40 Jahren in der Uniklinik tätig ist, 14 davon als Stomatherapeutin.

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Ist das Stoma erst einmal angelegt, zeigen die Stomatherapeutinnen, wie man das System anbringt und reinigt. „Wir trainieren das während des Krankenhausaufenthaltes mehrmals mit unseren Patienten. Wer mag, darf zum Beratungsgespräch eine vertraute Person mitbringen, die auf Wunsch ebenfalls zur Versorgung angeleitet wird, um den Patienten unterstützen zu können“, führt Petra Nick aus. Darüber hinaus klären sie über mögliche Komplikationen auf oder binden das Ernährungsteam der Uniklinik ein. Oftmals müssen die vier auch psychologische Arbeit leisten. „Für die meisten Patienten bricht eine Welt zusammen, wenn sie erfahren, dass sie ein Stoma bekommen. Wir stellen neben unserer Beratung Kontakt zu Selbsthilfegruppen her, die es in Zeiten von Corona zum Glück online gibt“, sagt Petra Nick.

Langjährige Betreuung

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erhält der Stomaträger das benötigte Versorgungsmaterial für zu Hause von einem selbst gewählten Sanitätshaus. Wenn erforderlich, wird ein Pflegedienst involviert. Bei Komplikationen oder Fragen steht das Stomateam auch weiterhin gerne zur Verfügung. Einige Patienten betreut Petra Nick mittlerweile seit vielen Jahren. „Es freut mich immer zu sehen, wenn ich mit meiner behutsamen Unterstützung ein Stück Lebensqualität zurückgeben kann. Vielen Patienten geht es nach einer Eingewöhnungsphase sogar sehr gut. Sie erleben durch das Stoma häufig nur sehr geringe Einschränkungen“, berichtet sie. Das ist der physische Aspekt ihrer Aufgabe. Ihr Wunsch wäre, das Thema aus der Tabuzone heraus zu holen, um auch einen psychologischen Effekt zu erzielen. „Ein Stoma darf kein Stigma sein. Mehr Toleranz, Respekt und Akzeptanz seitens der Bevölkerung würde unseren Patienten ungemein helfen.“