Die Narkose – Ein Geschenk an die Menschheit

Die Anästhesie feiert ihren 175. Geburtstag: Am 16. Oktober 1846 gelang in Boston die erste öffentliche Äthernarkose zur Operation eines Patienten mit einer linksseitigen Halsgeschwulst. Dieser Tag gilt als die Geburtsstunde der modernen Anästhesie. In ihrer heutigen Form ist die Narkose ein grandioser medizinischer Fortschritt: Sie schaltet das Schmerzempfi nden aus und erlaubt bei einer Vollnarkose den Tiefschlaf des Patienten. So wird es überhaupt erst möglich, sorgfältig und ohne Zeitdruck zu operieren. Univ.-Prof. Dr. med. Rolf Rossaint, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik RWTH Aachen, klärt im Interview mit apropos über das häufi g mit Ängsten behaftete Thema auf.

Narkos
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Herr Prof. Rossaint, Sie arbeiten seit 38 Jahren als Anästhesist, 24 davon als Klinikdirektor  der Anästhesiologie an der Aachener Uniklinik. Wovor haben Ihre Patientinnen und  Patienten erfahrungsgemäß mehr Angst: vor dem Eingriff oder vor der Narkose?
Univ.-Prof. Dr. med. Rolf Rossaint, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik RWTH Aachen
Univ.-Prof. Dr. med. Rolf Rossaint,
Direktor der Klinik für Anästhesiologie
an der Uniklinik RWTH Aachen

Prof. Rossaint: Das hängt in der Regel vom Eingriff ab. Eine große Herz-OP ist mit anderen Sorgen verbunden als eine Blinddarm-OP. Im Aufklärungsgespräch oder wenn wir
eine Vollnarkose einleiten, werden wir aber häufig gefragt: Werde ich auch wieder wach?  Die Angst, gar nicht mehr oder während der Operation aufzuwachen, ist auf jeden
Fall größer als die Angst vor dem Kontrollverlust, der ja automatisch mit einer Vollnarkose  einhergeht. In vielen Fällen kann aber für die Operation auch eine reine Regionalanästhesie durchgeführt werden, wodurch diese Bedenken hinfällig sind.

Wie können Sie Ihren Patientinnen und Patienten die Angst nehmen?

Prof. Rossaint: Wir lernen unsere Patienten nicht erst kennen, wenn sie in den Operationssaal kommen, sondern führen bereits im Vorfeld ein ausführliches Aufklärungsgespräch mit ihnen, die sogenannte Prämedikations-Visite.
In dieser Vorbesprechung klären wir, wie alt jemand ist, ob er körperlich belastbar ist, welche Allergien oder Vorerkrankungen er hat, welche Medikamente er einnimmt und ob Medikamentenunverträglichkeiten vorliegen. So können wir unter Berücksichtigung des vorzunehmenden Eingriffs besser einschätzen, wie wir ihn überwachen müssen, ob eine Teil- oder Vollnarkose (siehe Infokasten) der bessere Weg ist, und ob er danach gegebenenfalls ein Intensivbett benötigt. Wir wollen also das Krankheitsgeschehen
des Patienten umfassend verstehen und mögliche Fragen des Patienten beantworten. Das vermittelt Sicherheit und nimmt Ängste.

Was kann ich denn als Patientin oder Patient selbst tun, um mich auf die OP und die Narkose vorzubereiten?

Prof. Rossaint: Ganz wichtig sind zwei Punkte: Beim Aufklärungsgespräch ehrlich zu sein und die Nüchternheitsgrenze einzuhalten. Konkret heißt das: Wir müssen alle Vorerkrankungen und Medikamente kennen. Wer regelmäßig Schmerzmittel
einnimmt, Alkohol trinkt, raucht oder sich andere Substanzen zuführt, sollte uns das unbedingt mitteilen. Die Nüchternheitsgrenze liegt beim Erwachsenen bei sechs
Stunden. Man darf also sechs Stunden vorher nichts essen und zwei Stunden vorher nichts trinken. Das ist so wichtig, weil die Vollnarkose zu einem Bewusstseinsverlust führt, man verliert alle Schutzreflexe. Ist noch Speisebrei im Magen, kann dieser bis in die Mundhöhle und von dort über die Luftröhre in die Atemwege gelangen – mit möglicherweise fatalen Folgen.

Es gibt doch bestimmt auch Patienten, die im Vorfeld ganz gelassen sind und erst auf dem
OP-Tisch eine Aufregung spüren. Was unternehmen Sie dann?

Prof. Rossaint: Natürlich, auch das kommt vor. Das erkennen wir sehr schnell. Wir können auch an den Monitoren sehen, ob jemand aufgeregt ist, das Herz schlägt dann deutlich
schneller. Wie auch immer der Patient reagiert: Wir nehmen ihn und seine Ängste ernst, nur das schafft Vertrauen. Für uns sind Narkosen tägliche Routine, für unsere Patienten nicht. Wir sprechen dann ganz ruhig mit ihnen und sagen, dass wir sie nun ins Reich der Träume schicken werden. Je nach Situation machen wir auch mal einen Scherz, manchen hilft das sehr. Das ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Unser Ziel ist immer,
unsere Patienten ruhig einschlafen zu lassen.

Wenn der Patient schläft, ist Ihre Arbeit nicht getan. Was ist Ihre Aufgabe während der OP?

Prof. Rossaint: Vom Beginn der Anästhesie, über die gesamte OP-Zeit hinweg bis zum Ende der Operation sind wir für die gezielte Ausschaltung des Bewusstseins, Schmerzfreiheit und Muskelerschlaffung verantwortlich. Wir kontrollieren und optimieren
bei Bedarf Herz-, Kreislauf-, Nieren- und Lungenfunktion. Treten aufgrund
der durchgeführten Operation Blutverluste auf, wird das Blutvolumen des Patienten wieder aufgefüllt. Wir kontrollieren ständig die Narkosetiefe, sodass man keine Angst vor einem
Aufwachen während noch laufender Operation haben muss.

Und was tun Sie, damit es Ihren Patienten nach der OP wieder halbwegs gut geht?

Prof. Rossaint: Normalerweise ist man ziemlich schnell nach der Narkose fit. Die Medikamente, die wir heutzutage verabreichen, sind schnell wieder abgebaut. Schmerzmedikamente geben wir weiterhin, damit der Patient schmerzfrei ist. Wenn er wach ist, gut schlucken kann und wenn aus ärztlicher Sicht nichts dagegen spricht, darf er schnell etwas trinken. Auch essen ist möglich, aber nur unter Beobachtung. Nach größeren
Eingriffen ist unser Ziel, dass wir uns am Nachmittag nach der OP mit dem Patienten unterhalten können und er keine Schmerzen spürt. Hierzu werden in vielen Fällen gezielte Nervenblockaden zusätzlich zur Vollnarkose eingesetzt.

Herr Prof. Rossaint, wenn nun jemand immer noch Angst hat: Was sagen Sie dieser Person?

Prof. Rossaint: Rein statistisch gesehen ist das Narkose-Risiko in den letzten Jahren sehr stark gesunken. Das liegt an der hervorragenden Ausbildung von Fachärztinnen und -ärzten
in der Anästhesie, an technisch hoch entwickelten Überwachungsmöglichkeiten und besseren Medikamenten. Und noch einen Gedanken finde ich sehr beruhigend: Nie wird besser auf einen Menschen aufgepasst als während einer Narkose. Das medizinische
Personal überwacht alle Vitalfunktionen und kann sofort eingreifen. Es gibt keine andere Lebenssituation, in der dies der Fall wäre. Die heutige Narkosemöglichkeit ist ein Geschenk
an die Menschheit.

Welche Narkoseformen gibt es?

Vollnarkose
Eine Vollnarkose versetzt den Patienten in einen schlafartigen Zustand. Dafür wird meist ein Medikament über die Vene gespritzt.

Teilnarkose (Regionalanästhesie)
Viele Eingriffe werden heutzutage mit einer örtlichen Betäubung durchgeführt und sind so noch schonender für Patienten. Dazu gehören die Rückenmarksnahen Verfahren (Spinal- und Periduralanästhesie), z.B. zur Geburt oder Kaiserschnitt, die Regionale Betäubung
der Nerven, die Arme oder Beine versorgen, und die Örtlichen Betäubungsverfahren (werden in der Regel vom Operateur selbst durchgeführt).

Kombinierte Vollnarkose und Regionalanästhesie
Vollnarkose und Betäubung der Nerven, die das Operationsgebiet versorgen, in Kombination.

Weitere Informationen auf www.anaesthesie.ukaachen.de